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Gaspésie Halbinsel, Kanada

„Willkommen am Ende der Welt“ heißt es in der Ansage auf dem Anrufbeantworter der Chalets du Bout du Monde und der Satz hätte meine Situation nicht treffender beschreiben können. Nach vier Stunden Fahrt, stehe ich mitten in der kanadischen Wildnis vor dem Chalet Le Wigwam und starre durch die Fenster auf den verwaisten Küchentisch, auf dem mein Wohnschlüssel Wurzeln schlägt. So nah und doch so fern, denn angeblich sollte die Tür geöffnet sein, meinte zumindest mein Gastgeber Bobby Cotton, der weit und breit nicht zu sehen ist. Erst beim vorsichtigen Blick auf die Uhr merkt der ungeduldige Deutsche, dass er locker 2 Stunden vor dem Check-in vor seinem Wigwam steht und sich nichts sehnlicher wünscht, als diesen kanadischsten aller Plätze ganz für sich allein zu genießen. Hilft alles nichts. Suchen wir uns doch erst einmal ein Café in Downtown Gaspé und lassen die bisherigen Ereignisse ein wenig Revue passieren.

Gestartet bin ich im wunderbar französischen Québec, wo ich mich von Dagmar Lombard verabschiedet und jede Menge Tipps für meine anstehende Reise um die Gaspésie Halbinsel mitgenommen habe. Sobald man die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hat, sollte man schleunigst vom vierspurigen Highway 20 auf die 132 wechseln, die immer entlang der Küste führt und an so wundervollen Orten wie Saint-Jean-Port Joli oder Kamouraska vorbeikommt.

Es erinnert mich sofort an die kleinen Ortschaften in Neuengland, zumal die frühlingshaft sprießenden Bäume auch jetzt schon die gesamte Farbpalette ausspielen. Kleine verschlafene Cafés wechseln sich mit Antiquitätenläden und Galerien ab, die sich um eine schneeweiße Holzkirche gruppieren. Und das wiederholt sich Ort um Ort, bis ich schließlich im Côté Est sitze, den Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom richte und in den besten Donut der Welt beiße. Warum der Beste? Weil er in Ahornsirup gebadet wurde und so herrlich weich im Aufbiss ist, dass ich notgedrungen einen zweiten nachbestellen muss.

Abtrainiert wird er dann anschließend im Parc National Du Bic, der herrliche Wanderwege entlang der Küstenlinie anbietet. Allerdings sollte man sich bei einem Gezeitenunterschied von 5 Metern eine brauchbare Escape-Route überlegen, will man nicht den Weg nach Gaspé auf einem Stück Treibholz zurücklegen.

Nach der kleinen Ortschaft Bic lässt die Besiedlung und Tankstellendichte deutlich nach, die Gegend wird ursprünglicher und das Wetter rauer, so dass ich etwas zusammengekauert im Café Des Artistes von Gaspé sitze und versuche meinen Gastgeber erneut zu erreichen. Ich treffe jedoch nur auf besagten Anrufbeantworter, der mich am Ende der Welt begrüßt und mir rät, doch einfach vorbeizukommen.

Das mache ich dann auch, bis ich am Ende glücklich in die Arme von Bobby Cotton fahre, der mir mein Wigwam öffnet, den Schlüssel für Bikes & Kanus in die Hand drückt und schnell noch zeigt, wo es Holz für Kamin und Lagerfeuer gibt. Heute noch zum Abendessen nach Downtown Gaspé? Wo denkt ihr hin. Der beste Platz der Welt ist direkt am Weber-Grill, in einer kuscheligen Holzhütte mit Blick auf die untergehende Sonne.

Überhaupt hat das Chalet alles, um mehrere Monate zu überwintern oder in meinem Fall zu übersommern, denn es gibt eine perfekt ausgestattete Küche, Satelliten-TV, Internet und Schlafgelegenheiten für 6 Personen.

Fehlt eigentlich nur noch ein Elch, der mich am nächsten Tag im Parc national de Forillon erwartet und so unmittelbar entlang des Küstentrails auftaucht, dass ich fast vergesse auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken.

Doch der Bursche macht keinerlei Anstalten die Flucht zu ergreifen, genau wie die vielen Stachelschweine, die mal trödelig und behände, mal im Schweinsgalopp meinen Weg kreuzen. Und dieser Weg ist wirklich großartig, führt er doch über 7,5 Kilometer von Grande-Cave bis ans Cap Gaspé, entlang von Buchten, Wäldern, vergessenen Fischerdörfern, alten Friedhöfen bis zu einem Leuchtturm, der hoch oben auf einer Klippe steht. Und plötzlich kommt sogar die Sonne durch und schiebt die morgendlichen Nebelfelder einfach zur Seite, um diese Landschaft endgültig auf eine Leinwand zu malen.

Fehlt jetzt nur noch? Genau, ein Bär! Auch das scheint an diesem Tag kein Problem zu sein, genau wie der abschließende Sundowner im Kanu, mit dem ich entlang der acht Chalets du Bout du Monde treibe und die totale Stille und Einsamkeit genieße.

Einen Höhepunkt habe ich mir für das Ende aufgehoben und er hätte nicht dramatischer inszeniert werden können. Die Straße nach Percé windet sich in unzähligen Kehren durch die Wälder und Buchten der Gaspé Halbinsel und endet schließlich in einem touristisch perfekt inszenierten Fischerdorf, dass alles an Infrastruktur bietet, was man sich an so einem Tag für die Geschichtsbücher nur wünscht.

Die Sonne knallt vom Himmel und eigentlich steht der Begegnung mit Rocher Percé nun nichts mehr im Wege. Schon so lange habe ich auf diese Begegnung gewartet, dass ich die Jahre gar nicht mehr zählen kann, doch es war das Foto aus einem Bild Atlas, welches mich heute an diesen Ort gebracht hat. Leider macht mir eine intensive Nebelwand einen Strich durch die Rechnung, denn der berühmte Rocher Percé, ein 438 Meter langer Kalksteinfelsen, ist nicht mal zu erahnen. Er könnte überall im Wasser stehen oder vielleicht gar nicht existieren. Ich streife rastlos durch die Gassen der Stadt, steige auf Hügel und schreite den Pier auf und ab, doch während die Sonne im Dorf so trügerisch scheint, wird das Wahrzeichen einer ganzen Region zum bloßen Mysterium. Bis plötzlich erste Risse in der Nebelwand auftauchen und dieser Gigant aus meinem Bild Atlas Stück für Stück freilegt wird, um von kreischenden Möwen und Kormoranen begrüßt zu werden. Gänsehaut und simple Sprachlosigkeit übermannen mich, bis ich schließlich den Schritt durch das Watt wage, um ihm so nah wie möglich zu sein. Ich bin endlich angekommen, nach so vielen Jahren. Danke lieber Gott für diesen Moment. Auf das er ewig währe.

Dieser Artikel entstand auf Einladung der Chalets du Bout du Monde. Vielen Dank für die tolle Organisation lieber Bobby Cotton.

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