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Cape Breton Island, Nova Scotia

Der Gesichtsausdruck, wenn du dir am Eingang zum Nationalpark einen Spaß erlaubst, zwei vergünstigte Seniorentickets bestellst und sie anschießend auch bekommst. Für alles andere gibt es Botox und die Faltencreme. Das klingt wie aus der Werbung, ist mir allerdings beim Befahren des Cape Breton-Highlands-Nationalpark passiert und diesen Schock muss ich erst einmal verdauen. Bei knapp 20 Grad Celsius und strahlendem Sonnenschein fällt mir das jedoch leicht und ich starte die Tour auf dem berühmten Cabot Trail entgegen dem Uhrzeigersinn, um die knapp 300 Straßenkilometer direkt an der Küste fahren zu können.

Es ist 8 Uhr in der Früh und die Sonne lässt das Meer, die unzähligen kleinen Buchten, Wälder und Boote im morgendlichen Glanz erstrahlen. Ein Weißkopfseeadler steigt von seinem Baumstumpf in die Höhe und zieht erhaben seine Runden. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,50 Metern, ist er der zweitgrößte Greifvogel Nordamerikas und in dieser Region so etwas wie ein ständiger Begleiter. Ein Fuchs tänzelt entlang der Straße und grinst listig in meine Richtung, so als wolle er sagen: „Na, mein Freund. Da hast du dir wohl einen Elch gewünscht“.

Eigentlich schon, denn an Warnschildern mangelt es hier oben, im Norden von Nova Scotia, keineswegs. Aber wer erwartet schon Tierbeobachtungen direkt am Highway, wo es doch die zahlreichen Wanderwege gibt. Es wird Zeit für meinen ersten Trail, der auf den Namen Jack Pine hört und den Loop von 2,3 Kilometern fair zwischen Wald und Küstenlinie aufteilt.

Mir werden vier saftige Viewpoints aus Felsformationen serviert, die sich im blauen bis smaragdgrünen Ozean brechen und natürliche Höhlen hinterlassen. Ein ordentlicher Start in diesen Tag und ich sehne mich bereits nach einem rustikalen Café oder Fisch-Restaurant, welches ich in Neils Harbour vergeblich vermute. Die wenigen Lokale halten entweder noch Winterschlaf oder träumen besseren Zeiten hinterher, was man von den manikürten Rasenflächen vor den vielen bunten Holzhäusern keineswegs behaupten kann. In Nova Scotia sind angeblich die Hosentaschen voll und die Arme viel zu kurz, was so viel heißt wie: Alles Geld aufs Haus. Restaurants sind für Touristen. Und mit dieser knausrigen Weisheit ziehen die Neuschotten auf ihren motorisierten Mäh-Scootern selig ihre Bahnen, um es den unzähligen Golfplätzen im Land mal ordentlich zu zeigen. Dabei kommt ihnen natürlich zu Gute, dass so etwas wie Blumenbeete oder Zäune erst gar nicht existieren und der Parcours aus einem riesengroßen Stückchen Land besteht, was es abzugrasen gilt. Rasen mähen können die Kanadier also, genauso wie die Zubereitung von Lobster-Rolls, die ich mir schließlich im Rusty Anchor von Pleasant Bay bestelle.

Viele Touristen kommen nur wegen dem Hummer nach Nova Scotia, denn nirgends lässt es sich günstiger auf höchstem Niveau schlemmen, wie an der Ostküste von Kanada. Ob noch knackig in der Schale oder bereits frisch gerupft im goldigen Croissant, ob durchmischt in feinster Pasta oder leicht in Mayo als Salat. Eine Speisekarte ohne das berühmte Schalentier hat hier oben keine Chance.

Widmen wir uns nun wieder der brachialen Natur, denn zwischen Pleasant Bay und Margaree Harbour liegt der eindeutig schönste Streckenabschnitt des Cabot Trail, der mich nach jeder Kehre in die Eisen steigen lässt. Aus der Höhe betrachtet wirkt die Landschaft völlig friedvoll, denn der blaue Ozean trifft auf giftgrüne Wiesen und hinterlässt reizvolle Buchten, an denen man am liebsten baden möchte.

Den vielleicht spektakulärsten Aussichtspunkt hält der Skyline Trail bereit, der sich knapp 2 Stunden lang durch ein spärlich bewachsenes Waldgebiet quält, bevor er zum krachenden Crescendo ausholt und den Blick auf die sich windende Küstenstraße freigibt. Am Horizont erspähe ich ein paar Delfine, die in den Wellen spielen und den Tag genießen. Das ist Entschädigung genug für all die Elche und Bären, die sich bei Kaiserwetter lieber im Gebüsch verkriechen.

Eine Region zum Verweilen und Genießen, genau wie mein heutiges Tagesziel, die Silver Dart Lodge, welche den vielleicht besten Ausblick des Städtchens Baddeck auf die vorgelagerte Meeresbucht anbietet.

Ich ziehe die Vorhänge meines Zimmers zur Seite und kann gar nicht anders, als mich im Blau des Ozeans zu verlieren. Direkt davor, welch Überraschung, eine perfekt gemähte Wiese, auf der fünf rote Holzstühle stehen und den idealen Ort zum Sonnenuntergang markieren.

Dieser lässt jedoch noch auf sich warten, so dass ich zunächst den beheizten Outdoor-Pool inspiziere, der auf wohlige 25 Grad Celsius erhitzt ist und mir um diese Zeit allein gehört. Also nichts wie rein ins nasse Vergnügen und anschließend zum Dinner ins kleine Städtchen Baddeck, wo noch eine kulinarische Erfahrung ansteht.

Im kleinen Hafenbecken liegt das Freight Shed Bistro, welches von außen noch recht unscheinbar daherkommt. Innen hat man jedoch das Gefühl, dass Wohnzimmer und Sterneküche eins werden, denn ein paar wenige Tische und Sitzgelegenheiten an der Bar, gruppieren sich um die beiden Stars des Abends mit Namen Cliff und Will, die als Chef de Cuisine nicht nur unglaublich gute Lobster-Rolls, Lachsfilets und Burger auf den Teller zaubern, sondern auch den weltbesten Carrot Cake aller Zeiten erschaffen haben.

Zur Untermalung meiner Gaumenfreuden, lasse ich den Blick durch das Fenster zum rot erstrahlten Leuchtturm gleiten, an dem sich die untergehende Sonne ein letztes Mal für heute zeigt. Hätte ich doch fast den Wein vergessen und wie könnte es auch anders sein, wird auf den lokalen Champion mit Namen Tidal Bay vom Weingut Jost gesetzt, dem die kalten kanadischen Winter und kurzen, heißen Sommer richtig gut zu tuen scheinen. Der hervorragende Weißwein wurde erst im Juni 2012 gelauncht, um den perfekten Drink für Fischgerichte und Ocean Views zu kreieren. Es ist ihnen geglückt, genau wie dem jungen Team vom Freight Shed Bistro und der Unterkunft mit dem besten Blick auf ein gutes Stück Cape Breton Island.

Und so endet mein Besuch der Silver Dart Lodge stilecht im großen Frühstücksraum, der das Gefühl vermittelt, unmittelbar auf dieser saftig grünen Wiese zu sitzen und auf den Ozean zu starren. Hin und wieder kommt ein French Toast, Omelette oder Speckstreifen vorbeigesegelt, um meine Geschmacksnerven ein ums andere Mal zu aktivieren. In etwa so stellt man sich die raue Schönheit vom Paradies vor.

Dieser Artikel entstand auf Einladung der Silver Dart Lodge in Baddeck.

Noch mehr über den Osten Kanadas gibt es in meinem Artikel über die Gaspésie Halbinsel.

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