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Palermo, Sizilien

Wenn die „Familie ruft“ und einen Gefallen einfordert, den man eigentlich nicht ablehnen kann, dann wird sogar Italiens Regierung schwach und beförderte Palermo kurzerhand zur Kulturhauptstadt des Jahres 2018. Wer das jetzt für einen Mafia-Gag und die südlichste Millionenstadt des Landes für eine schmuddelige Kopie Neapels hält, der irrt jedoch gewaltig, denn Palermo weiß mit Authentizität und Prunk mehr als zu begeistern.

Da es laut Reiseführer keinen einzigen sicheren Parkplatz in der Innenstadt gibt, überlasse ich erleichtert dem Concierge im Grand Hotel Wagner meine Schlüssel und verabschiede mich schon mal vom kleinen Corsa.

Das 5-Sterne-Haus liegt recht zentral in der Nähe des Teatro Massimo und verfügt über exakt die vergoldeten Jugendstil-Schnörkeleien, die man von so einer Grand Dame auch erwartet. Jetzt aber nichts wie raus in die verschachtelten Gassen des Castellammare Viertels, wo mich an der Piazza San Domenico nicht nur die gleichnamige Kirche, sondern auch ein hervorragender Cappuccino samt Blaubeertörtchen in Empfang nimmt.

Schon mal ein guter Einstieg, der deutlich Lust auf mehr macht und direkt zwei kulturelle Highlights nachlegt. Nach der eindrucksvollen Chiesa di San Matteo lasse ich mich weiter zur Klosterkirche mit dem klangvollen Namen Santa Caterina d´Alessandria treiben und bin spätestens jetzt in der Welt von Don Corleone, Silvio Berlusconi und Mario Balotelli angekommen.

Das ist Italien: Oben bröckelt die Fassade, unten sprudelt die Fontäne und die Sonne taucht das Häusermeer in ein Gemälde von Michelangelo. Entsprechend atemberaubend ist der Blick vom Turm der Klosteranlage, die zwischen 1545 und 1573 erbaut wurde. Da der Besuch von Kathedrale, Schwesternzimmern und Turmstiege (7 Euro) nur als Gruppenführung möglich ist, hilft mir ein beherzter Auftritt beim Sicherheitspersonal, um kurzerhand privat und exklusiv durch das mittelalterliche Gemäuer eskortiert zu werden. Wer hat schon Lust auf einen hektisch-zappelnden Deutschen, der angeblich kein Wort versteht und dringend alle Attraktionen dieser Stadt an einem Tag erleben muss.

Über einen, mit Gittern geschützten Rundgang, läuft man in luftiger Höhe einmal um das Kirchenschiff, bevor dann eine schmale Stiege zunächst auf die Dachkammer und schließlich auch ins Freie führt. Beim Blick aus der Vogelperspektive fällt mir nicht nur der wunderschöne Fontana Pretoria, sondern mit der Chiesa di San Cataldo eine weitere interessante Kirche mit drei arabischen Halbkuppeln auf.

Und da auf meiner Bonuskarte bereits zwei Kirchenbesuche eingemeißelt sind, gibt es ab jetzt sogar Discount auf jeden Innenraum-Besuch. Also nix wie rein in dieses mittelalterliche Kleingewölbe ohne großen Schnick und Schnack.

Nachdem der Auftakt eher eine Stadtbesichtigung per Zufallsprinzip war, wollen wir jetzt doch etwas Struktur in die Sache bringen und begeben uns an den zentralen Quattro Canti, dessen 4 gegenüberliegende Brunnen ganz Palermo unter sich zu teilen scheinen. Geht man jetzt die Corso Vittorio Emanuele II stadteinwärts fliegen einem die Sehenswürdigkeiten nur so um die Ohren.

Den Anfang macht die imposante Kathedrale von 1185, die in ihrer langen Geschichte bereits mehrfach umgestaltet wurde und heute ganz in der Hand des MSC-Kreuzfahrten-Regimes liegt, das von über 40 Fähnchen-Schwenkern samt deutschsprachiger Reisegruppen an Land repräsentiert wird.

Ein kurzer Blick ins schlichte Innenleben genügt um festzustellen, dass draußen eindeutig schöner ist und man sich lieber um den Normannenpalast oder das Stadttor Porta Nuova kümmern sollte. Sobald man den imposanten Bogen durchquert, scheint man endlich in die Welt der Mafia-Filme einzutauchen. Kein Prunk, keine aufgepäppelte Fassade, sondern Armut, Müll und knatternde Motorräder bestimmen das nun folgende Straßenbild. Und wäre das nicht bereits Gruselspaß genug, geht es in den Kapuzinerkatakomben, den Catacombe dei Capuccini, gleich nochmals zwei Etagen tiefer in den abgehärteten Zement.

Willkommen am Set von „Fluch der Karibik“, denn über 8.000 konservierte Mumien unterschiedlichster Verwesungsstufen starren dich auf Augenhöhe an und erinnern an die eigene Endlichkeit auf dieser wunderschönen Mattscheibe. Mal mit Haut, mal ganz ohne, gern mit Hut oder mit Robe, aber alle perfekt konserviert und erstaunlich gut erhalten, wie zum Beispiel die blond gelockte Rosalia, die im Kindersarg inmitten der Kapuzinergruft den ewigen Schlaf der Gerechten angetreten ist. Da es keine lebenden Angehörigen mehr gibt, sind viele Kleidungsstücke zerfallen und durch grobe Sackleinen ersetzt, was dem Grauen einen eindeutigen Pusch nach oben auf der Dramatik-Skala gibt. Nach dem morbiden Intermezzo, schreit mein Gemüt schon fast nach buntem Markttreiben, den ich auf dem Ballarò im alten Albergheria Viertel finde.

Dieser kunterbunte Marktplatz erinnert ein wenig an die provisorischen Stände der engen Gassen in der Altstadt von Marrakesch. Auch hier kreuzen sich frisches Gemüse mit Fleisch, Fisch und allerlei Krimskrams aus dem Fake-Paradies im Norden Afrikas. Und wenn du glaubst, hier ist kein Platz, fährt sicher noch ein Mofa durch. Gefolgt von einem Fiat.

Es ist Zeit für einen typisch sizilianischen Abschluss, den ich heute in der Antica Focacceria San Franceso in Form von Vino Bianco, Arancini also Reiskroketten und Caprese mit Schwertfisch finde. Das Essen eine gute 3, Ambiente eher 2, Palermo eine glatte 1.

Epilog:

Da auf Sizilien die Wege kurz sind und die Reise zurück in die Vergangenheit ein archäologisches Abenteuer verspricht, setze ich auf einen Abstecher ins 95 Kilometer entfernte Agrigento im Süden der Insel. Das Autofahren auf Sizilien gestaltet sich zunächst als ziemlich gewöhnungsbedürftig, da Tempo-Schilder mit 50 Km/h lediglich auf die beliebte Richtgeschwindigkeit von locker 100 hinweisen, eine durchgezogene Linie meine flotten Verkehrsbegleiter erst recht zum Überholen auffordert und das Rot an der Verkehrsampel eher ein abgedunkeltes Grün zum vorsichtigen hinübergleiten ist. Jedenfalls wird mein Kampf-Corsa ein ums andere Mal gnadenlos zur lahmen Ente denunziert und ordentlich zusammengeschnitten, bevor ich nach knapp 2 Stunden das Tal der Tempel erreiche.

Dramatisch reihen sich die imposanten Säulenreste aus der Zeit um 500 v. Chr. auf einer vorgelagerten Felsklippe auf, lassen das moderne Agrigento im Hintergrund zur Kulisse erstarren und blicken ins saftig- grüne Tal aus Oliven- und Orangenbäumen hinunter. Versteinerte Zeitzeugen, die Jahrtausende überdauert haben, auch wenn beim Wiederaufbau ein wenig nachgeholfen wurde und zum Beispiel die Figur des Telamon in Wirklichkeit eine Kopie ist, da das Original derweil im Archäologischen Museum von Agrigento vor sich hin schmorrt.

Man sollte jedenfalls nicht, wie ich, den Fehler machen und nach den beiden eindrucksvollen Tempio di Giunone und Tempio della Concordia bereits die Kurve kratzen, da das Gebiet deutlich größer ist, wie ich bei der Rückkehr zum Parkplatz an einer großen Schautafel leidvoll erfahren durfte. Das bereits ausgelöste Parkticket in die Tonne stopfend, geht es ein zweites Mal durch die Security-Zone am Eingang, um auch noch den Tempel des Herkules und den weit entfernten Dioscuri Tempel in der satten Nachmittagssonne abzulichten.

Insgesamt kann man hier locker 2 Stunden herumspazieren und da die Hügellandschaft am Meer eh viel zu schade für einen Tagesausflug ist, niste ich mich kurzerhand in der Hazienda Masseria Agnello ein, die authentisches Luxusambiente „made in Sicily“ verspricht und auch hält. Während die meisten Hotels in der Umgebung eher heruntergekommen auf bessere Jahre zurückblicken, begeistert mich hier der Mix aus dicken Mauern, endlos hohen Decken, die dann mit viel Holz und fetten Kronleuchtern zum stilvollen Ganzen zusammenwachsen. Dazu ein schicker Pool, eine große Frühstücksterrasse und die schier endlosen Reihen der Olivenbäume. Hier kann man locker ein ganzes Buch verfassen oder den ein oder anderen Blogbeitrag eben.

Eine Reisewarnung hinsichtlich des Abendessens muss ich dann aber doch aussprechen, denn bei Bestellung einer gemischten Grillplatte, landen hier leider keine Steaks und Schweinebäuche auf dem vorgewärmten Teller, sondern Scampi, Thunfisch und Riesen-Calamares. Ich war zumindest nicht der einzige überraschte Gast, der sich anschließend mit Panzern und Fühlern im Kriegszustand befand und auf die abenteurliche Komination aus Rotwein und Fisch gesetzt hat.

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