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Jungfraujoch, Schweiz

Das wird ein Tag für die Geschichtsbücher, denke ich mir bereits beim Anblick des mächtigen Eigergletscher, der sich träge den steilen Abhang bis ins Tal zur Kleinen Scheidegg wälzt. Ich sitze erwartungshungrig in der Jungfraubahn und habe tatsächlich die 186 CHF für die wohl teuerste Zugverbindung der Welt, gemessen auf den Streckenkilometer, investiert. Gerade einmal 9,34 Kilometer fressen sich die Schienen durch den Fels, wovon 7 sogar noch nachtblind durch ein Tunnelsystem verlaufen.

Doch die Fahrt sollte jeden einzelnen Rappen wert sein, denn bereits die Stopps an der Eigerwand und später am Eismeer auf 3.160 Metern, rauben mir den Atem.

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Leider steht man nur hinter großen Panorama-Fenstern, doch die überdimensionalen Gletscherspalten sind auch so furchteinflößend genug. Der Schaffner muss mich schon persönlich von der Scheibe ablösen, damit wir endlich weiter zum „Top of Europe“ fahren können. Nach einer knappen Stunde erreicht die Zahnradbahn mit dem Jungfraujoch ihre Endstation.

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Die Schweizer haben zu tief gegraben, würde sich jetzt wohl J.R.R. Tolkien beim Anblick der unterirdischen Gletscher-Wunderwelt denken, doch sie haben keinen Balrog geweckt, sondern die Alpine Sensation, einen Eispalast und den Lindt Swiss Chocolate Heaven aufgebaut. Für mich hätte es auch weniger Spielzeugland sein können und so katapultiere ich mich erstmal mit dem Lift auf die Sphinx Aussichtsplattform auf 3.571 Metern Höhe. Was für eine Pracht ist es, die weiße Kappe des Mönchs eiskalt und unvermittelt aus so kurzer Distanz serviert zu bekommen.

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Eine paar Bergsteiger streifen über den perfekt geformten Grad und werden in wenigen Minuten ihr Gipfelglück genießen können. Darunter türmen sich die allesfressenden Spalten des Aletschgletscher, die sich bis zum Gipfel von Jungfrau und Silberhorn über ein weites Schneefeld erstrecken.

Eine nahezu perfekte Welt, wenn da nicht die alles übertönenden asiatischen Reisegruppen wären. Doch sie sind heute in der Überzahl und so bleibt mir nur der illegale Weg in die Eiswildnis. Illegal, da der Weg über den Gletscher zur Mönchsjochhütte bereits gesperrt ist. Zu gefährlich. Doch die Anziehungskraft der weißen Pracht ist größer und so breche ich schließlich zur höchst bewarteten Hütte der Schweiz auf. Der Schnee ist hart mit leichter Pulverschicht und so geht es sich erstaunlich gut auf dem weißen Untergrund. Meine Begeisterung ist jedoch trügerisch, da links und rechts die hungrigen Mäuler der gut getarnten Gletscherspalten bereits auf mich warten.

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Die Sonne knallt recht ordentlich und ich denke zum ersten Mal in diesem Jahr an die bevorstehende Skisaison. Was für ein Leben, was für ein Ausblick.

Ich kann mich kaum lösen, doch die Zahnradbahn wartet bereits im Bahnhof, um mich in den nächsten 50 Minuten mit exakt 2 rollierenden Videos, die auf unzähligen Screens in den lauschigen Abteilen flimmern, in den Wahnsinn zu treiben. Dabei ist die Sequenz der brasilianischen Partner-Bahn, die zu Sambarhythmen auf den Corcovado düst, mit 60 Sekunden noch relativ schnell verarbeitet. Viel schlimmer ist dagegen das Video über ein Cricket Spiel zwischen Indien und Großbritannien, welches auf dem Aletsch Gletscher stattgefunden hat. Passend das Zitat eines der Spieler: „Ich komme wieder“. Ja genau und zwar exakt in 2 Minuten.

An der Kleinen Scheidegg geht die letzte Oktobersonne unter und ich mache mich auf den Weg ins Superior-Hotel Belvedere.

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Als hätten sie geahnt, welch prachtvoller Tag da bereits hinter mir liegt, quartieren sie mich großzügig in die Executive Suite im obersten Stockwerk ein. Diesen 180-Grad Panorama-Blick muss man erstmal toppen. Doch viel Zeit bleibt nicht, schließlich wartet ein Original Schweizer Raclette in der hauseigenen Stube namens Spycher. Die Location ist urgemütlich, da lediglich 7 Tische bewirtet werden. Und überhaupt Raclette, so ein entschleunigendes Essen kann wirklich nur von den Schweizern kommen. Auch wenn man das Pfännchen mit deutscher Hartnäckigkeit bis zur Deckenwölbung mit Kartoffeln, Käse und Schinken hochstapelt, dauert ein Raclette-Gang locker 10 Minuten. In denen nichts passiert, außer warten und genießen. Herrlich! Für das japanische Pärchen am Nebentisch bleibt da sogar noch Zeit für die ein oder andere Zahn-OP. Während sie den Mund wie ein Grusel-Clown öffnet, leuchtet er mit dem Handy hinein und bohrt mit der Gabel nach alten Essensresten. Tja, über Esskultur lässt sich eben doch streiten.

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Die Nacht verläuft für einen Städter wie mich in kompletter Stille. Wobei hin und wieder das Glockengeläut eines unsteten Wiederkäuers zu hören ist. Am nächsten Morgen werde ich direkt mit einer Krisensituation erster Güte konfrontiert. Es gibt so viel zu erwandern, doch keine Bahn, kein Bus, kein Nix fährt. „Es ist Revision. Das ist sehr wichtig vor der Wintersaison“ lasse ich mich von einer Bahnmitarbeiterin belehren. So entspannt sie das auch sagt, trägt es doch nichts zu meiner Beruhigung bei. Ein perfektes Wochenende verliert sofort an Wert, wenn der Abschluss in die Hose geht. Der Blick ins Netz verrät mir, dass im Nachbardorf Stechelberg vielleicht noch etwas fährt. Von dort transportiert eine mehrstufige Gondel, bis zu 50 Personen gleichzeitig auf den Piz Gloria und hält auf einem Drittel der Strecke im pittoresken Mürren.

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Auf der 10-minütigen Fahrt wird mir das James-Bond-Theme gleich mehrfach um die Ohren gedudelt. Und während ich noch rätsle, ob ich auf den Spuren von Daniel Craig oder Roger Moore wandele, ruht sich die Schweizer Dorfgemeinschaft tatsächlich auf „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ mit George Lazenby aus. George wer? Fragen sich sicherlich 90 % der Tagesbesucher. Aber es hat ihn gegeben und er ist immer noch Namensgeber für einen Brunch auf 2.970 Metern Höhe.

Mürren, mit seiner Bahnstation und den typischen Schweizer Chalets und Hütten, ist Sinnbild der wunderbaren Modelleisenbahner-Romantik in diesem Tal. Es ist eine perfekte Welt, die hier im Schatten von Eiger, Mönch und Jungfrau, Wandersmann und Skiakrobat gleichermaßen verwöhnt.

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Mit dem November versiegen die Touristenströme und der Dorfmetzger schließt für mehrere Wochen seine Pforten. Kein Wunder also, dass ich auf meiner letzten Wanderung auf den Allmendhubel fast alleine unterwegs bin. Fortsetzung folgt sicher.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Belvedere.

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