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Eigernordwand, Schweiz

„Die Expedition hatte mich zutiefst erschüttert, und es fiel mir schwer, den Artikel zu schreiben“ haucht mir die deutsche Stimme von Robert de Niro mit ihrem nüchternen aber stets fesselnden Klang entgegen. Fünf Stunden lang kämpfe ich mich in eisige Höhen und genieße mit dem Hörbuch von Krakauers Everest-Drama eine exzellente Vorbereitung auf das anstehende Abenteuer. Auch wenn es nicht das Dach der Welt sein wird, so steht die Eiger Nordwand dem Everest in Punkto Mythos und Komplexität in nichts nach.

Heimat der mächtigen 4.000er rund um das alpine Dreigestirn Jungfrau, Eiger, Mönch ist das Heidi-Dörfchen Grindelwald im Herzen des Berner Oberlandes. Gerade mal 3.700 Menschen leben auf diesem grandiosen Fleckchen Erde.

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Das Panorama der schneebedeckten Gipfel nimmt mich sofort gefangen und ich steuere mit der Gletscherschlucht den ersten Höhepunkt des Tages an. Stattliche 17 Franken kostet der Eintritt in einen Canyon, der über Jahrtausende vom Gletscherwasser liebevoll geformt wurde. Die ersten hundert Meter verlaufen noch etwas enttäuschend, doch dann hängt plötzlich ein 170 m2 großes Spinnennetz über der Schlucht. Blaue und violette Spots verleihen der Szenerie eine unwirkliche Atmosphäre.

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Und dann heißt es Schritt für Schritt rauf auf das grobmaschige Seil. Der freie Blick auf den reißenden Gletscherfluss ist dabei sicherlich nicht jedermanns Sache, macht aber locker so wach wie zwei Red Bull Schuss. Die Felswände sind nur wenige Meter voneinander entfernt und erinnern etwas an die Narrows im Zion Nationalpark. Es ist 12 Uhr mittags und ein Sonnenstrahl sticht für wenige Minuten durch den Spalt am Himmel.

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Dramatisch gut, leider aber auch dramatisch kurz, denn ein paar Kehren und Tunnel später ist bereits Schluss. Doch ich bin zufrieden mit dem Start und hole mir den Tipp für die anschließende Wanderung direkt am Eingang der Gletscherschlucht. „Gehen sie auf den Alpiglen. Das ist schon sehr speziell, oder?“. Gut, wird gemacht. Und tatsächlich, die vier anschließenden Stunden durch den immer schattigen Wald ohne Aussicht auf Berge und Umgebung sind schon sehr speziell. Immer wieder blitzt zwar ein schneebedeckter Gipfel durch die herbstlichen Baumstämme, doch eine Kehre später werde ich erneut vom ewigen Schatten verschluckt.

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Den absoluten Mega-Frust bereiten mir jedoch die spärlich geflockten Schilder mit Entfernungsangaben, welche von mir eigentlich in schöner Regelmäßigkeit halbiert werden. Doch nicht hier, nicht in der Schweiz. 1 Stunde ist 1 Stunde. Da gibt es keine Gnade. Eher werden noch mal 10 Minuten draufgepackt. Nur so zur Sicherheit. Dabei wandere ich entlang der berühmten Eiger Nordwand ohne es zu ahnen, ohne es zu sehen. Hätte ich eigentlich auch direkt raufgehen können, denn der Rekord aus dem Vorjahr liegt gerade mal bei 2 Stunden 23 Minuten. Doch auch mein zäher Aufstieg wird schließlich mit einer spektakulären Eishöhle belohnt.

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Am Fuße des Gletschers, wölbt sich das tropfende Dach einer perfekten Welle aus Schnee und Eis. Obwohl das Konstrukt recht fragil wirkt, traue ich mich einige Meter in diese sagenhafte Wunderwelt, nur um festzustellen, dass Jon Krakauer auf der Hinfahrt meinen Handy-Akku ganz schön leergefressen hat.

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Der Abstieg macht zwar auch nicht mehr Spaß, doch es warten schließlich Kaffee und Kuchen in Aspen auf mich. Aspen, Colorado? Das chaletartige 4 Sterne Alpin-Lifestyle-Hotel mit diesem vielversprechenden Namen würde sicherlich auch im Nobelskigebiet der USA eine gute Figur machen, doch es liegt in perfekter Kulisse auf einem Hang über Grindelwald.

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Auf die Frage, welcher der vielen Gipfel denn nun eigentlich dieser berühmte Eiger mit seiner Nordwand ist, antwortet die Rezeptionistin nonchalant: „Also, wenn Sie morgen früh zum Sonnenaufgang auf ihren Balkon hinausgehen, dann blicken sie direkt auf den mächtigen Steilhang der Eiger Nordwand. Schlafen sie gut“. Doch zunächst schlägt die Stunde der Entspannung und da leistet der blubbernde Outdoor-Whirlpool mit Blick auf Wetter- und Schreckhorn ganze Arbeit.

Der nächste Morgen präsentiert sich wie aus dem Bilderbuch. Keine Wolke mischt sich unter den stahlblauen Himmel und die Nordwand scheint mich bereits zu rufen. Zeit sich ihr zu nähern und zwar mit der Zahnradbahn von Grindelwald Grund hinauf bis auf die Kleine Scheidegg (2.061 Meter). In 25 Minuten bin ich damit weitergekommen als am gestrigen Tag in mühevollen 2 Stunden. Kein Grund lange zu fackeln, sondern ab auf den Eiger Ultra Trail, wo man das prächtige Dreigestirn Eiger, Mönch, Jungfrau quasi auf dem Silbertablett serviert bekommt.

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Immer wieder blickt man auf die aufgestauten Eisschichten des Eiger Gletscher und findet schließlich mit dem Spiegelbild im Fallbodensee das perfekte Fotomotiv. Diese Kulisse lässt keinen kalt, doch es geht natürlich weiter. Der Bahnhof an der Kleinen Scheidegg ist nur das Tor zu einem noch größeren Naturmonster, dem Jungfraujoch auf 3.454 Metern Höhe. Doch das ist eine andere Geschichte. Fortsetzung folgt… 

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Aspen.

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4 comments

  1. … und auf die freu ich mich schon, die Fortsetzung. Bergwandern und -steigen ist ja nicht so meines, aber ich finde es immer wieder schön, davon zu lesen und die großartigen Bilder anzuschauen. Das trennt die Wasser- von den Erd- und Luftmenschen. Und von den Feuermenschen sowieso…
    Well done. Well done.

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