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Grindelwald, Berner Oberland

Fast gewinnt man den Eindruck als hätten sich die Schweizer von einer ihrer spektakulärsten Landschaftsbühnen verabschiedet und das Dorf Grindelwald den Touristen aus China, Amerika oder den Emiraten überlassen. Erst am Berg, hoch oberhalb des wunderschönen Bachalpsees, trifft man wieder auf sie und genießt mit ihnen ein Gemälde aus Gletschern, Gipfeln, Legenden und Tragödien.

Auf der Suche nach neuen „Escapes“ für meinen Reiseblog, bin ich diesmal auf das Boutique-Hotel Glacier aufmerksam geworden, welches im April 2018 nach ausgiebiger Renovierung wiedereröffnet hat und wunderbare Zimmer mit Blick auf die berühmte Eiger Nordwand anbietet.

Und das Versprechen ist kein lockerer Werbeslogan, sondern in Stein gegossene Realität, wenn am frühen Morgen der erste Blick auf die angestrahlte 1.800 m hohe Senkrechte fällt, die zu den gefährlichsten Steilhängen der Alpen zählt. Während die Erstbesteigung der berühmten Heckmair-Route noch drei Tage in Anspruch nahm, schaffte der Speed-Climber Ueli Steck die gleiche Strecke in sportlichen 2 Stunden und 22 Minuten.

Nicht viel länger als Ueli Steck sollte mich heute die Tour zum Faulhorn auf Trab halten und obwohl vom Schwierigkeitsgrad her deutlich am unteren Limit, gehört sie landschaftlich zu den schönsten Routen im Berner Oberland. Ich fahre mit dem Grindelwald-Bus, der direkt vor dem Hotel Glacier abfährt, zur Talstation des First, um mir die ersten 1.000 Höhenmeter mit der Gondel zu versüßen. Dieser Tag ist einfach zu schade, um stundenlang nach oben zu staksen, wenn das Bilderbuch-Panorama auf dem „First Cliff Walk“ doch reißerischer kaum sein kann.

Der künstlich errichtete Gipfelrundweg besteht aus einem engen Felssteg, einer Hängebrücke und einer Aussichtsplattform, die im Nichts endet und den Besucher direkt vor dem Dreigestirn aus Eiger, Jungfrau und Mönch absetzt. Auch wenn die Drahtseile stabil wirken, so ist der Blick nach unten, durch den teils durchsichtigen Boden, schwindelerregend und man muss schon die Nerven behalten, wenn mal wieder eine Gruppe wild-um-sich-knipsender Asiaten den schmalen Steg passiert. Noch im großen Gefolge geht es dann weiter zum rund 50 Minuten entfernten Bachalpsee, jenem Alpenjuwel, indem sich das charakterstarke Schreckhorn mit seinem Spiegelbild verewigt hat.

An den Hängen wimmelt es von Touristen, so dass der herumstreunende Fuchs in etwa so perplex dreinschaut wie ich, doch am Ende findet hier jeder seinen Platz in der Sonne, um die perfekte Kulisse zu genießen. Wer glaubt, es kann kaum schöner werden, der sollte sich auf die nun folgenden 400 Höhenmeter hinauf aufs Faulhorn freuen, denn ab jetzt sind die Wanderer unter sich und das Panorama ist so „extra-large“, dass es das menschliche Auge kaum mehr erfassen kann.

Wir blicken nicht nur auf das berühmte Dreigestirn sondern gleichzeitig auf die Galerie der Hörner von Wetter-, Schreck- bis Finsteraarhorn, die sich in den stahlblauen Himmel schrauben. Dazu die üppig grünen Hänge, denen der trockene Sommer nicht annähernd zusetzen konnte sowie den türkis schimmernden Brienzersee. Mehr geht nicht und so würdige ich nach etwa 60 Minuten zusätzlicher Wanderzeit diesen wunderbaren Tag mit einem Stück Apfeltarte samt Sahne .

Danach geht es wieder 800 Höhenmeter abwärts zur Bussalp, wo die knifflige Entscheidung aus Bus oder „runterwandern“ ansteht. In Anbetracht von 24 Franken für die Fahrt, entscheide ich mich mutig für den 90-minütigen Durchmarsch, der durch saftig grüne Wiesen bis hinunter nach Grindelwald führt. „What a day“ oder besser “what a life“.

Dieser Ausspruch eines amerikanischen Touristen aus Vail, ist mittlerweile zu meinem Lebensmotto geworden und so lasse ich den Tag stilvoll im Outdoor-Jacuzzi des Glacier Hotel enden, wobei ich mangels Badehose, in schlabbriger Schlaf-Shorts durchblubbern lasse. Geht alles und manchmal auch noch besser, wie die knusprige Ente beim Abendessen im Glacier Restaurant beweist, welches es innerhalb kürzester Zeit in die Top15 der TripAdvisor Gästewertung geschafft hat.

Am nächsten Morgen unterhalte ich mich mit Anke, die im Glacier so etwas wie die rechte Hand der Besitzer Jan und Justine ist und von Anfang an beim Projekt Neupositionierung mitgeholfen hat. Seit der Eröffnung im April sind die 28 Zimmer so gut wie ausgebucht und es gehört schon eine Menge Fingerspitzengefühl dazu, dass zumeist internationale Publikum zu dirigieren und mit den richtigen Tipps für den Tagesausflug zu versorgen.

Dabei mustert sie mich von oben bis unten und meint trocken: „Ich habe mir deinen Blog genauestens angeschaut“. Dann kommt nervenzehrende Ewigkeiten nichts, bevor es mit: „Gefällt mir sehr gut“ weitergeht und in einem Touren-Tipp endet. „Ich hätte dir nicht die Wanderung am First empfohlen. Du brauchst schon etwas Besonderes“. Und mit dieser Prophezeiung schickt mich Anke auf den Bergweg zur Glecksteinhütte, der sich vom Parkplatz am Hotel Wetterhorn bis zum Oberen Grindelwaldgletscher hinaufschraubt. „Okay“ sage ich frohen Mutes, bedanke mich artig für den tollen Insider-Tipp und bin schon auf dem Weg, den ich mir gottseidank noch etwas mit dem Bus verkürze, der den Wanderer bis zur Weggabelung mitnimmt. Gegen Gebühr versteht sich.

Was danach kommt, sollte mich an die Grenzen meiner Höhenangst führen, wobei mich das umkehrende amerikanische Pärchen bereits frühzeitig auf die folgenden Passagen einstimmt. Da ist von „ungesichert“ bis „steil-abfallend“ alles dabei, was man sich als Vertigo-Patient so wünscht. Damit heißt es „Film ab“ für großes Kopfkino und meine Knie werden augenblicklich butterweich wie die von John Travolta in Grease, führt der schmale Pfad doch kontinuierlich am steilen Abgrund entlang. Die Landschaft allerdings ist gewaltig, wie ich später auf den wenigen Fotos feststellen musste, denn die massiven Felswände von Wetterhorn, Mettenberg und Schreckhorn treffen hier unmittelbar aufeinander und lassen nur wenig Raum für die ins Tal stürzenden Wasserfälle.

Nach einer willkommenen Natur-Dusche hangele ich mich teils an Drahtseilen, teils gänzlich ungesichert entlang der senkrechten Felswände, bis ich nach etwa 2 Stunden die kleine Lichtung am Grindelwaldgletscher erreiche und endlich zur Ruhe kommen kann. In Aussicht des routengleichen Rückweges, schenke ich mir glatt die Glecksteinhütte, die noch etwa 20 Minuten entfernt auf einem Fels thront.

Alles in allem ist der Weg für schwindelfreie Bergfreunde sicher ein Genuss, während ich mir die Schönheit dieser Tour erst am Abend auf dem Smartphone zu Gemüte führen konnte. Eines kann ich aber mit Gewissheit sagen: Es gibt für mich in den Schweizer Alpen zwei absolut herausragende Landschaften, die so kitschig-schön sind, dass man sie mindestens einmal im Leben bereist haben muss. Das ist zum einen das Matterhorn-Gebiet rund um Zermatt und zum anderen ist es Grindelwald mit seiner berühmten Gipfelformation aus Eiger, Jungfrau und Mönch.

Ich jedenfalls werde wiederkommen und erneut versuchen ganz hinauf zu gelangen, um den letzten Gletschern dieser Erde so nah wie möglich zu sein und die Schönheit dieser einzigartigen Gebirgslandschaft aufzusaugen. Und bis dahin liebe Grindelwalder, könnt ihr den Weg zur Glecksteinhütte auch an den exponierten Stellen mit einem vertrauensstiftenden Drahtseil versehen. Nur für den Fall der Fälle…

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotel Glacier in Grindelwald.

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