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Kronplatz, Südtirol

„Möchtest du noch was essen?“ „Sehr gerne. Kann aber was später werden. Vielleicht 9“ „Mach dir keinen Kopf. Bei mir ist noch niemand verhungert“ so in etwa verlief der Email Dialog zwischen mir und Evi, der Managerin des Silentium im Vorfeld meiner Tour zum Ski-Opening am Kronplatz in Südtirol. Es ist bereits stockfinster, als ich die Stichstraße ins Nirgendwo wähle.

Bruneck ist zwar nur etwa 15 Kilometer entfernt, könnte aber genauso gut unerreichbar hinter den Bergen liegen. Silentium, der Name ist tatsächlich Programm und so taucht plötzlich am Ende des Weges der Rainstallerhof vor mir auf. Umgebaut zum Luxus-Chalet mit 2 Doppelzimmern und 3 Suiten, liegt der im Jahr 1600 erbaute Bauernhof in gefühlter Einsamkeit und verspricht Ruhe und nicht weniger als die Flucht vor dem stressigen Alltag.

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Und da steht Evi auch schon voller Tatendrang in der Tür, nimmt mir das Gepäck ab und zeigt auf die Menükarte des Abends: “Such dir was aus. Dann kann ich schon mal loslegen“. Also kein Spruch, sondern einfach das beste Rinderfilet in Südtirol, natürlich aus der Region. „Vor 2 Jahren haben wir diesen alten Hof gekauft und in 100 Tagen zu einem Dolomiten-Chalet umgebaut“ erzählt Evi stolz beim Dinner. Ihr junges Leben schreit bereits jetzt nach Verfilmung: Pizzeria geführt, spontaner Pferdekauf in Andalusien und Kochkurse bei Tantris-Chef Hans Haas. Und wenn sie mal richtig gut drauf ist, greift sie abends zur Gitarre und spielt für ihre Gäste auf. Und na klar: Schnaps und Marmelade macht sie auch noch selbst. „Es ist nicht alles planbar im Leben“ und mit diesem, ihrem Zitat, trete ich schließlich die Nachtruhe an.

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Die Schnäpse zeigen Wirkung und die schier endlose Stille katapultiert mich voller Begeisterung in den ersten Skitag der Saison. Es geht zum Kronplatz, angeblich Südtirols Skiberg Nummer 1. Das Thermometer erwärmt sich trotz Sonnenschein gerade mal auf -4 Grad Celsius. Auch wenn der 2.275 Meter hohe Kronplatz bei der Saisoneröffnung stets in Führung geht, ist erstaunlich wenig los am Parkplatz. Also kein Grund zur angeborenen Ungeduld, denke ich mir und versuche sanft in meine Skischuhe zu gleiten. Aus dem gleiten wird schnell ein brechen und ein fassungsloses Kopfschütteln. Sind das wirklich meine? Haben die mal auch nur annähernd gepasst?

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Es braucht seine Zeit, doch 43 € später geht es mit der Gondel von Olang aus auf den Gipfel. Echter Schnee ist leider noch Fehlanzeige, doch die Kanonen schießen bereits aus allen Rohren und erzeugen eine erstaunlich gut präparierte Piste.

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Ich beginne mit der fast 3 Kilometer langen Abfahrt Olang 2 und Alpen hinunter ins Tal. Das fühlt sich schon erstaunlich gut an und so lasse ich einfach laufen und genieße die halbseidenen Schwünge in der frühlingshaften Dezembersonne. Da es keine Warteschlangen am Lift gibt, ist man ständig unterwegs und bereits nach 1 Stunde sehne ich mich nach Kaffee und Kuchen im Silentium. Doch ich bin ja nicht zum Vergnügen hier und teste entsprechend die neue 27er-Abfahrt Hinterberg und mache mich hinunter ins Tal nach Reischach. Nur die 2 „Schwarzen“ lasse ich zum Saisonauftakt lieber links liegen.

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Zeit für einen Glühwein und eine gehörige Sonnendusche auf der Obereggeralm. Obwohl ich mir nur 25 Minuten Auszeit gönne, muss ich in der Kürze um 15 Jahre gealtert und mein Körper um drei Everest Besteigungen entkräftet worden sein. Die nächste Abfahrt schießt jedenfalls wie eine Injektion in meine Oberschenkel und lässt mich gehörig in die Eisen steigen. Da hilft nur ein kulturelles Intermezzo und auch das geht auf dem Kronplatz, denn ganz oben auf dem Gipfel hat Reinhold Messner sein sechstes und letztes Museum gebaut. Corones heißt es und wurde von der berühmten Architektin Zaha Hadid entworfen.

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Mit den Skiern halte ich direkt auf die futuristisch gestaltete Bergkuppe zu und schnalle ab. Die dicken Schuhe lasse ich an, die Mütze nehme ich ab, um frisurtechnisch mit Messner gleichzuziehen. Das scheint zu wirken, denn Skischuhe sind hier absolut salonfähig und so lasse ich mich von den Exponaten und der einmaligen Architektur begeistern. Star ist eindeutig das Gebäude, denn im Gegensatz zum beeindruckenden Ausstellungsmonster Firmian, ist man im Corones schnell durch.

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Hauptsächlich Gemälde sind ausgestellt und hin und wieder ein paar Steigeisen aus den 60ern. Also stehe ich 30 Minuten später bereits wieder auf der Piste und quäle mich etwas durch den 2. Durchgang.

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Die letzten Sonnenstrahlen ziehen wie ein Abanico über die Zacken und Kuppeln der Dolomiten. Eine gewisse Melancholie schwebt über dem Land, doch dazu besteht kein Grund. Denn der Schnee wird kommen und die Saison wird sicher wieder großartig werden. Ganz zu schweigen von Evis Hirschkalb im Mohnmantel oder der Apfelcreme mit Spekulatium-Eis. Hans Haas wäre an diesem Abend sicher sehr stolz gewesen.

Epilog

Wie könnte ich enden, ohne Evis Orange-Banane-Saftmischung vom Frühstücksbuffet zu erwähnen? Doch irgendwann ist auch die letzte Waffel gegessen und es heißt Abschied nehmen, um ein weiteres Schmankerl ins Programm zu packen. Der Pragser Wildsee führt mühelos jede Best-of-Liste alpiner Gebirgsgewässer an und strotzt gerade in den Sommermonaten vor Besucherpotenz. Etwa 5.000 Menschen zieht es im Wonnemonat August täglich auf den 3,6 Kilometer langen Seeweg. Heuer ist Weihnachtsmarkt und die ersten Busse stehen bereits in ihren Buchten, während die Gäste fasziniert auf den halbzugefrorenen See zu staksen.

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Doch die Schicht ist trügerisch. Nach etwa 8 Metern zeigen sich erste Risse unter meinem Schuh und es knackt gewaltig. Also schleunigst zurück auf den Wanderweg, der auch heute gut besucht ist. Die Gebirgskulisse rund um den 2.810 Meter hohen Seekofel sucht seinesgleichen. Der Pragser Wildsee ist perfekt und lässt sich mühelos in etwa 45 Minuten umrunden. Dachte ich zumindest, bis ich zu einem eingefrorenen Wasserfall gelange, der wie eine erstarrte Welt meinen Weg kreuzt. Gute Gelegenheit für ein Video. Und während ich so übers Eis stolziere, immer darauf bedacht das iPhone zu stabilisieren, haut es mich dermaßen hin, dass sich Knie und Ellbogen gute Nacht sagen. Doch ich bin leider nicht allein, von daher hilft kein wimmern und kein fluchen, sondern eine flüssige Stand-up Performance mit eingeschraubtem Doppel-Lächeln. Wie ein gestürzter Eisläufer stehe ich mit komplett durchnässter Jeans und eingesauter Jacke vor den verdutzt dreinblickenden Italienern. Geile Performance, da sind wir uns alle einig, während ich schwer verletzt, innerlich wie äußerlich, den Rückweg antrete.

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Wie der Weihnachtsmarkt denn so war? Keine Ahnung, muss die Hose wechseln. Und mit hochgedrehter Sitzheizung lasse ich ein unvergessliches Wochenende in den Dolomiten Revue passieren. Bis zum nächsten Mal.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Silentium.

 

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