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Train Station Inn, Nova Scotia

Der Bahnwaggon rattert durch die sternenklare Nacht und ächzt auf den stumpfen Schienen bei jeder noch so kleinen Unebenheit. Er ist vollgepackt mit Emigranten, die vom Pier 21 in Halifax auf eine Reise in ihre neue Heimat geschickt werden. Voller Ehrfurcht, voller Ängste, aber auch voll der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Wohlstand. Mit nichts mehr als ein paar Dollar in der Hosentasche werden sie dieses Land aufbauen und mitgestalten und zu einem der lebenswertesten der Erde machen. Der Zug fährt in den Bahnhof von Tatamagouche ein und ich blicke hinaus aus jenem Waggon, in dem einst die Neuankömmlinge in die Weiten Kanadas verteilt wurden. Heute ist es der Speisewagen im Train Station Inn, einem der originellsten Übernachtungsplätze in ganz Kanada.

Natürlich fährt keiner der neun, als Hotelzimmer umgestalteten, Waggons mehr quer durchs Land, doch das Gefühl nach Abenteuer und der Geruch nach Kohle und Pioniergeist ist immer noch vorhanden.

Ich staune nicht schlecht beim Besteigen der Lokomotive Caboose Nummer 6, die für die kommende Nacht mein Zuhause sein wird. Es gibt einen Wohnbereich mit gemütlicher Couch und Ecktisch, ein Schlafzimmer mit Klimaanlage sowie ein kleines Bad samt Dusche.

Dazu einen hochgebockten Lokomotivensitz, um in den Sternenhimmel zu schauen oder ordentlich Gas im Standbetrieb zu simulieren. Mit deutlich mehr Komfort als im Jahr 1928 versprüht das Train Station Inn eine Atmosphäre aus Nostalgie und Gediegenheit, die sich zur Liebe im Detail entwickelt hat. Allein der Souvenirshop im alten Bahnhof ist die Anreise nach Tatamagouche wert, ist er doch vollgepackt mit allerlei Devotionalien für den Eisenbahnfanatiker. Für mich noch deutlich aufregender sind allerdings die Orange Acadian Toast, welche zum Frühstück im Bahnhofsrestaurant serviert werden.

Hier gilt meine unbedingte Kau- und Kaufempfehlung, denn diese franko-kanadische Spezialität ist nicht nur hausgemacht, sondern auch nahezu einmalig in der Region. Die dicken Toast-Scheiben werden dabei in Orangensaft getaucht und goldig-braun zur Perfektion gegrillt, um anschließend mit kanadischem Ahornsirup abgekühlt zu werden. Das geht einfach nicht besser und mit diesem kulinarischen Höhepunkt in Kopf und Magen verabschiede ich mich von meinem Gastgeber Marshall und seinem Team, um die Küstenseite zu wechseln. Etwa 2 Stunden dauert die Fahrt ins kleine Fischerdorf Peggy´s Cove, welches einst traurige Berühmtheit mit dem Absturz der Swissair 111 erlangte, die im Jahr 1998 vor der Küste Nova Scotias ins Meer stürzte.

Heute erinnert ein Memorial an den tragischen Unfall von einst, doch die vielen Touristen kommen weniger wegen des Gedenkens, sondern vielmehr wegen des spektakulären Leuchtturms, der malerisch auf den vorgelagerten Felsen am Ufer posiert. Und während es im Frühsommer meist noch einsam in Nationalparks und Küstenstädtchen zugeht, scheinen sich die wenigen Reisebusse allein auf Peggy´s Cove zu fokussieren. Auf 70 Einwohner kommen heute locker 1.000 Besucher und so trete ich die Fahrt auf dem malerischen Lighthouse Trail eher an, als geplant. Doch die Küstenstraße entlang von pittoresken Ortschaften wie Chester oder Mahone Bay, präsentiert mir Kanada wie aus dem Bilderbuch, auch wenn der Trail seinem eigentlichen Namen nicht annähernd gerecht wird. Die Leuchttürme sind nicht nur rar gesät, sondern meist auch recht klein und unscheinbar. Mich zieht es weiter in das Hafenstädtchen Lunenburg, Kanadas ältester deutscher Siedlung, die seit 1995 vollends zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde.

Die Altstadt, welche unmittelbar am Hafen liegt, ist heute ein Prunkstück aus alten Kapitänsvillen, Boutiquen, Restaurants und Bed & Breakfast Unterkünften, während die echten Einwohner eher in den grünen, entschleunigten Alleen im Außengürtel ihre Vorgärten pflegen. Im Winter wirkt der Ort daher wie ausgestorben, während im Sommer der Nostalgie-Schoner Bluenose II zehnmal ablegen könnte, um die Touristenschar entlang der Küstenlinie auf Zeitreise zu schicken.

Meine Empfehlung für einen Halbtagesausflug gilt jedoch eher dem Ovens Natural Park Sea Cave Trail, der ganz in der Nähe an einem privaten Küstenabschnitt liegt.

Die 10 Dollar Eintritt sind allerdings gut angelegt, denn der 1,2 Kilometer lange Pfad schlängelt sich spektakulär entlang der Klippen und lässt immer wieder Abstiege auf Aussichtsplattformen oder in Höhlensysteme zu, die ich ansonsten in keinem der Nationalparks ausmachen konnte.

Hier hätte ich Stunden verbringen können, doch der Weg ist genauso schnell zu Ende, wie es die Reise in die Vergangenheit im berühmten Train Station Inn von Tatamagouche war. Ich bin zurück in meinem Speisewagen, genieße den gegrillten Lachs mit einem frischen Glas Tidal Bay, blicke hinaus auf die alte Bahnhofsstation und denke zurück an die Zeit der ersten Pioniere.

Voller Erwartung, Neugierde und Begeisterung für eine Region, die sich selbst und ihrer Natur treu geblieben ist.

Dieser Artikel entstand auf Einladung des Train Station Inn in Tatamagouche und der perfekten Organisation von Marshall Feit.

Mehr zu Nova Scotia findet ihr in meinem Bericht über Cape Breton Island.

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