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Der perfekte Stopover in Macau

Ein alter Mann bläst in seine Mundharmonika und verleiht dem Anblick auf das zusammengestückelte Häusermeer einen fast schon friedlichen Eindruck. Die frühlingshafte Brise lässt meine Gedanken ins Jahr 1999 zurück kreisen, als über Macau noch die portugiesische Flagge wehte. Es gibt wohl keinen passenderen Ort für diese kurze Zeitreise als den Monte do Forte, wo die alte Festung aus dem 17. Jahrhundert über die 600.000 Bewohner der heutigen Sonderverwaltungszone wacht. Doch für Melancholie ist hier in Macao nun wirklich kein Platz mehr, denn der enervierende Mix aus chinesischem „Streetlife“, bunten Kolonialbauten und Kasinos im Vegas-Style, machen die Stadt zu einem exotischen Stopover-Ziel.

Wer nur 2 Tage Zeit für Besichtigungen und Glücksspiel hat, sollte sich auf jeden Fall diese 5 Sehenswürdigkeiten nicht entgehen lassen.

1. Die Casinos von Cotai

„Verlassen Sie auf keinen Fall den Flughafen“ klingeln mir die Worte bei Ankunft am Hong Kong International Airport noch in den Ohren, als ich mich ohne Gepäck zum Cotai Water Jet Counter begebe. Ahnung hat hier erst einmal keiner, doch nachdem ich den Service-Mitarbeitern klar mache, dass ich bereits ein Fährticket nach Macau im Web gekauft habe, läuft die Abwicklung erstaunlich rund. Die Koffer werden angeblich automatisch vom Laufband der Abfertigungshalle direkt aufs Schiff geladen, was ein sofortiges Stoßgebet bei mir auslöst, da das Gepäckrundell ja eigentlich hinter der Immigration liegt, die ich nicht durchschreiten sollte. Doch ab jetzt heißt es Abwarten und Hoffen, denn es geht schon wieder los. Etwa 70 Minuten gleiten wir entspannt über die ruhige See, bis mich das Schnellboot am gigantischen Taipa Terminal ausspuckt, welches von seinen Ausmaßen her eher an den Flughafen erinnert. Nur wenige Augenblicke später, rollen auch schon die ersten Koffer vom Band und versetzen meinem Magen sofort einen Tiefschlag der Kategorie 3 von 4. Erste Menschen werden mit ihren Gepäckstücken vereint und verlassen glücklich das Band. Weitere folgen, während ich mir bereits bei Kategorie 4 die Fingernägel mit den Zähnen maniküre. Doch kurz vor dem Final Sale, zeigt das Laufband ein Erbarmen und spielt mir den Rimowa ganz unversehrt in die zitternden Hände. Jetzt noch schnell etwas Bargeld abheben, da das beste und trotzdem günstige Verkehrsmittel in Macau nun mal das Taxi ist, welches mich für umgerechnet 7 € direkt vors Hotel am Cotai Strip fährt.

Schon hier fällt mir das geringe Verkehrsaufkommen auf, denn es ist verdammt wenig los für einen Samstagabend in der City of Dreams. Gute alte Bekannte wie das Venetian, ein Wynn oder das MGM ziehen an mir vorbei und erinnern unwillkürlich an den berühmten Las Vegas Strip, auch wenn es ein paar markante Unterschiede festzustellen gibt. Zum einen ist hier alles eine Nummer kleiner, so dass die Anzahl der Hotelbetten pro Komplex etwa halb so groß ist, wie beim großen Bruder in der Wüste von Nevada. Rezeption, Shops und Kasino sind clever voneinander getrennt, damit man sich relativ flott zurechtfindet und nicht mit dem gesamten Gepäck an Armeen von einarmigen Banditen vorbeiziehen muss, bevor man endlich einchecken darf. Ja, man kann sogar auf dem Bürgersteig von Hotel zu Hotel flanieren, ohne von Chewbaccas und Revue-Tänzerinnen angebaggert zu werden. Dazu ist hier alles unglaublich sauber, da eine herunterfallende Zigarette sofort von Videokameras aufgezeichnet und mit umgerechnet 150 € bestraft wird (fürs Rauchen, nicht fürs Kippen).

Klingt eigentlich super, macht das Spiel- und Spaßerlebnis jedoch ziemlich schnell steril. Der Cotai-Strip wirkt wie eine Kopie aus Las Vegas, bei der man das Flair und die Atmosphäre glatt vergessen hat. Zudem verlieren sich die meist chinesischen Gäste in den Weiten der Casinos, während man in den protzigen Geschäften der Luxus-Labels gleich zwei Follower mehr am Haken hat, da auf jeden verirrten Gast zwei ewig lächelnde Verkäuferinnen kommen. Schicke Restaurants gibt es nur im Casino, so dass ich beim ersten Dinner zwangsläufig im MGM lande, um mich auf einen kulinarischen Trip aus amerikanischer und chinesischer Küche einzulassen. Die unzähligen Chili-Schoten, die man dekorativ am Eingang drapiert hat, fallen mir leider erst beim Verlassen des Lokals auf, so dass ich voller Vorfreude auf frittiertes Hühnchen mit Knoblauch setze und nur wenige Minuten später vor einem gigantischen Teller knusprig gebratener Chili sitze.

Darunter begraben warten die bestellten Hühnchen-Schnipsel, die trotz mikroskopischer Größe wahre Geschmacksdetonationen auslösen. Gäbe es ein Streichholz, ich könnte es durch pures Ausatmen entzünden. „Water. Just Water“ japse ich nach dem Kellner, der mich verständnislos anschaut. „It´s not so spicy Mister. Want some Dessert?“ Ich bekomme gerade noch ein „No“ heraus, was er jedoch mit einem Blätterteig-Keks respondiert, der nach Verzehr sofort zu Staub zerfällt und mir die verbliebenen Atemwege gänzlich blockiert. In diesem Sinne, Gute Nacht und Guten Durst.

2. Die Ruinen von St. Paul

Mit dem Taxi wechsele ich die Insel und begebe mich in die berühmte Altstadt von Macau, die seit 2005 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und einen wunderbaren Mix aus Barrockkirchen und chinesischen Tempeln bietet. Ausgangspunkt meines Rundgangs sind die Ruinen der St. Paul´s Kirche, von denen äußerlich nur noch die markante Front geblieben ist, welche zum Wahrzeichen der Stadt wurde und den Instagram-Wahn auf ein völlig neues Level gehoben hat. Teenager treten dabei gerne in Drei-Engel-für-Charly-Manier auf, denn ein Model braucht mindestens einen Fotografen + 1 Sonnenschirmhalter, der für ein klimatisiertes Ambiente am Set sorgt.

Da schaue ich mir doch lieber das bunte Treiben aus der Vogelperspektive von der Fortaleza do Monte aus an, wo man spektakuläre Aussichten in alle Himmelsrichtungen genießt und mit dem berühmten Kanonenschuss gleich noch entsprechendes Futter für den Instagram-Account erhält.

3. Der Templo de A-Má

Tempel meets Kirche. Klingt komisch, funktioniert in Macau aber tadellos nebeneinander und macht so einen Rundgang erst vollkommen. Besonders zu empfehlen ist der buddhistische Pau Kung Temple, in dem heute mal so richtig eingeräuchert wird, so dass ich teils die Hand vor Augen nicht erkennen kann. Hin und wieder schaffen es Lichtkegel durch die Lüftungsritzen und verleihen dem Ensemble eine mystische Stimmung.

Deutlich touristischer geht es da schon im 1488 erbauten A-Ma Temple zu, der aus sechs Gebäudekomplexen besteht, die sich an einen mächtigen Granitfelsen schmiegen. Auch hier raucht und qualmt es an allen Ecken und Kanten, nur um den Zorn der Seefahrer-Götter zu besänftigen. Hier wird anscheinend schon an meine Rückfahrt mit dem Cotai Water Jet zum Hong Kong International Airport gedacht.

4. Der Largo de Senado

Die Altstadt rund um den Largo de Senado, begeistert mit wunderschön gestrichenen Kolonialbauten, Bars und Essständen, in denen typisch portugiesische Vanille-Törtchen und knusprig-glänzende Schweinebauchscheiben angeboten werden.

Überall darf auch gern probiert werden, was ich mir, nach gestern Abend, spare und mich lieber bis zur Uferpromenade vorkämpfe, wo mit dem Grand Lisboa Hotel ein wahres Meisterwerk an Casino-Architektur steht.

Wie eine Lotusblüte ragt der gigantische Bau zwischen all den Wohnblocks in den Himmel und bewahrt der Spielerstadt ein wenig Einzigartigkeit, denn natürlich gibt es auch im alten Casinobereich von Macau ein Wynn und MGM Hotel, welches marketingtechnisch deutlich anders positioniert ist als der große Bruder aus Amerika. Zumindest sollte man sich den Besuch des MGM sowohl in Cotai als auch auf der Hauptinsel nicht entgehen lassen, wenn man auf außergewöhnliches Interieur-Design steht.

Für mich endet der Rundgang mit einem Besuch der St. Lawrence´s Church, die Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut wurde und innen wie außen den Abstecher lohnt.

5. Hotel Parisian Macau

Natürlich haben wir schon über die Hotel-Casino-Komplexe philosophiert, doch möchte ich zum Abschluss die Fahrt auf den Eiffel Tower des Parisian herausheben. Für vertretbare 12 Euro wird man mit dem Fahrstuhl auf die 100 Meter hohe Aussichtsplattform befördert, um eine wirkliche „instagramable“ Aussicht auf den hell erleuchteten Hotelkomplex zu ergattern.

Dagegen verblasst der leergefegte Cotai Strip fasst zur Bedeutungslosigkeit und mit ein bisschen Wehmut in den Adern werde ich vom Sicherheitspersonal dezent nach unten eskortiert. Es ist schließlich 23 Uhr. Zeit nach Hause zu gehen.

Alles in allem ist Macau den Stopover mehr als wert, denn der Cocktail aus China, Portugal und Nevada schmeckt nicht nur zur Happy Hour. Zudem kann man mit dem Grand Lisboa, dem spektakulären Morpheus Hotel oder der Gondelfahrt am Wynn in Cotai, Momente erleben, die es in Las Vegas aktuell nicht gibt. Aber wer weiß, vielleicht wird sich das ja eines Tages ändern und es wird zur Abwechslung von Ost nach West kopiert und eingefügt.

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