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Lake Louise im Winter

Ich habe einen Traum. Dieser meldet sich beharrlich jeden gottverdammten Dezember, wenn ich auf die grünen Hänge unserer Alpen schaue. Wieder kein Schnee, sieht man mal von den Überbleibseln der letzten Eiszeit in den Gletscherskigebieten ab. Und so fühlte ich mich zuletzt im Stubaital wie auf einer 80er Jahre Party. Ziemlich verloren stand ich mit all den Nostalgikern und Schnee-Frustrierten am Kabinenlift der Eisgratbahn. Und da war er wieder, dieser Traum. Von einem Winter in Kanada.

Den Abflug hatte ich mir doch schon etwas anders vorgestellt, denn plötzlich war alles weiß in München und auch in den Bergen. Aber wer gibt sich schon mit lächerlichen 20 Zentimetern Neuschnee zufrieden, wenn irgendwo da drüben 3 Meter 50 auf dich warten. Also ab in den Flieger nach Calgary. Und nach erholsamen 10 Stunden, steige ich ganz entspannt aus der Maschine und steuere den Mietwagen in Richtung Banff Nationalpark. So in etwa hätte der Satz eigentlich lauten sollen. Doch natürlich kam alles anders. Um 10 Uhr ist die Welt noch weitestgehend in Ordnung. Es schneit zwar wie ein Dalmatiner-Fell, aber die Sprühdüsen verzieren die Tragflächen mit irgendeiner orangen Chemikalie und machen den Flieger einsatzfähig. Doch nachdem dieser auch nach 1 Stunde immer noch beharrlich am Boden klebt, werde ich langsam nervös. Denn es geht via Frankfurt nach Kanada und der 2-Stunden-Stopover ist bereits auf knapp geschnürte 60 Minuten geschrumpft. Dann endlich die hiob-geschwängerte Stimme des Piloten: „Die Enteisungsmaschine ist kaputt, wir müssen zurück ans Gate“. Aber nicht etwa schleunigst, wie es meine Empfehlung gewesen wäre, sondern ganz behutsam zum Mitlaufen. Nach weiteren 30 Minuten sind wir natürlich nicht am Gate, sondern stehen mitten in einer Eiswüste. Bereits jetzt ist klar, dass es mit dieser Maschine nicht weitergehen wird. Es werden angeblich Busse kommen. Doch die kommen einfach nicht. Der Winter hat den Flughafen im Griff und damit wohl auch den einzigen Busfahrer. Nach weiteren 30 Minuten hetze ich dann endlich durchs Abflugterminal, um meine Alternativen zu erfragen. „Nein, die warten nicht in Frankfurt. Ich buche sie um auf British Airways und sie sind um 18 Uhr in Calgary“.

In Anbetracht der Lage, gar nicht mal so schlecht. Also renne ich, mit meinem Handgepäck aus Skischuhen, wie ein aufgezogener Duracell-Hase zum Terminal 1, um in die erwartungshungrigen Augen einer BA-Mitarbeiterin und ausgemachten LH-Hasserin zu schauen.

„Das weiß ich nicht, ob ich sie da noch mitnehmen kann. Haben sie denn ihr eTA?“

WTF!!!!

„eTA?“ mehr ein Wispern als eine Frage.

„Ja, ist neu. Sie brauchen jetzt ein elektronisches Visum für Kanada“.

Es rattert sofort in meinem Kopf:

“Kein Problem. Mache ich direkt hier mit dem Smartphone“.

Und dann kam endlich ihr großer Moment:

“Nein. Das geht nicht. Das dauert 72 Stunden. Auf keinen Fall nehmen wir sie mit. Ab zurück zur Lufthansa“

„Aber…“ „Nix aber. Das machen wir nicht. Das kostet uns 2.000 Pfund Strafe“

Schluss, Aus, Basta, Brexit. Also Skischuhe schultern und wieder zurück zum Terminal 2, wo ich mich aus einem lukrativen Angebot aus Boston und Toronto für San Francisco entscheide. Natürlich ohne Chance das geliebte Calgary noch heute zu erreichen. Ach so und das Visum? Eine Sache von 2 Minuten. Danke British Airways. Für Nichts!

Es ist 8.30 und die San Francisco Bay schlummert unter einer leichten Nebeldecke. Der 2. Versuch macht jetzt schon einen deutlich besseren Eindruck.

Und spätestens beim Anblick der schneebedeckten Rockys aus der Flugzeugperspektive beginne ich den gestrigen Tag endlich abzuhaken. Am Alamo-Schalter werde ich erst einmal ob meiner Economy-Buchung ausgelacht. „Mit der Schüssel erlegst du nicht mal eine Schneeflocke. Du brauchst ein richtiges Auto“. Und schon wandern 180 zusätzliche $ aus meiner Tasche in die des schlauen Sales-Repräsentanten. Dafür haut der Dodge Durango locker einen ausgewachsenen Elch von den Hufen. Die 90 Minuten nach Banff vergehen wie im Flug. Was für eine Gebirgslandschaft! Die Traumstraße der Rockys schmilzt wie ein Schoko Soufflé unter meinen Reifen dahin.

Die Mission Aufholmanöver kennt keine Gnade und so fahre ich schnurstracks am Hotel in Banff vorbei, um noch die letzten Sonnenstrahlen am Lake Louise zu erwischen. Es wird winterlich, die Temperaturanzeige sinkt auf -10 Grad Celsius und der Schnee türmt sich allmählich auf den mächtigen Douglastannen. Am Ende der Straße taucht dann endlich der See der Seen vor mir auf. Es ist deutlich anders wie im Sommer, wo das türkis-schimmernde Wasser diese gewaltigen Klötze liebevoll zu zähmen scheint. Jetzt blickt man auf eine gigantische Eisplatte auf der Schlittschuhgelaufen oder Eishockey gespielt wird.

Ein Winter Wonderland wie aus dem Bilderbuch. Erst jetzt merke ich, dass ich gar nicht auf derlei Temperaturen vorbereitet bin. Die Sneakers ordentlich vom Schnee durchnässt, die Finger zu bizarren Eisskulpturen gekrümmt. Aber hey, mein Dodge, der hat ne Lenkradheizung.

Für die Nacht kann ich euch das Moose Hotel & Suites nur wärmstens empfehlen. Nehmt unbedingt eine Suite. Spätestens nach dem Besuch im beheizten Outdoor Pool auf der Dachterrasse, werdet ihr den eigenen Kamin im Wohnzimmer zu schätzen wissen. Das Hotel ist völlig neu und wunderschön im modern-alpinen Stil mit viel Holz ausgestattet. Besonders hat es mir die Toast-Bar zum Frühstück angetan, wo man sich an einer Feuerstelle die frisch gebutterten Wabbelschnitten gleich selbst flambieren kann.

Es ist endlich 6.45 und der Wecker bezieht bei mir längst Alg II, denn ich bin bereits seit geschlagenen 5 Stunden wach. Die Zeitverschiebung hat mich fest im Griff, zudem macht sich langsam freudige Erregung breit. Skifahren auf Champagner-Schnee steht auf dem Programm, doch der Blick nach draußen lässt mich innehalten. Auch um 8.30 ist es noch stockfinster und würden nicht ein paar verlorene Snowboarder die Banff Avenue herunterstreunen, würde ich mich doch im Tiefschlaf wähnen. Die Sonne lässt noch auf sich warten, als ich um kurz vor 10 das 60 Kilometer entfernte Lake Louise Ski-Resort erreiche. Parken an der Lodge of the Ten Peaks stellt heute kein Problem dar und für lächerliche 103 $ knattert das Tagesticket aus dem Automaten. Das soll ein Skipass sein? Ich klebe das Stück Folie ungeschickt zusammen und vergesse glatt den Halterungsbügel. Hier ist alles etwas anders. Zum Einstieg wähle ich die einzige Gondel mit dem klangvollen Namen Grizzly Express. Mit dem Ding bist du erst einmal 10 Minuten unterwegs, um danach kilometerlange Abfahrten ins Tal zu nehmen. Der Schnee ist zwar nicht episch, fühlt sich aber unter den Brettern, die die Welt bedeuten, trotzdem sehr gut an. Zudem ist man hier fast alleine unterwegs. Ein Gefühl, dass es in unseren Alpen gar nicht mehr gibt.

In Punkto Aussicht setzt Lake Louise den zweiten Treffer. Ein gigantisches Panorama auf den mächtigen Victoria Gletscher verschlägt einem schier den Atem. Zudem machen die bis zu 8 Kilometer langen Abfahrten echt Spaß. Unbedingt die Nummer 109 an den Back Bowls versuchen und auch ein Abstecher ins Larch-Gebiet hat seine Reize. Bei aller Begeisterung gibt es aber auch negative Überraschungen für verwöhnte Alpentouristen. Die Skilifte haben wahrscheinlich schon die Cree vor der Kolonialisierung genutzt und die Gastro aus Junkfood und Filterkaffee ist die Einkehr oft nicht wert. Nicht mal Snickers hatten sie. Nach 5 Stunden Dauer-Power wackeln mir allmählich die Knie und bevor ich wie ein fahrendes Dixi-Klo die Hänge runterrutsche, packe ich lieber meine sieben Sachen und verlasse die Ski-Area mit einem begeisternden Lächeln. Die Rockys rocken.

Fehlt jetzt nur noch der perfekte Abschluss und den finde ich im The Bison Restaurant. Hier gibt es die Viecher in allen Variationen. Ob als Tenderloin, Burger oder Rippchen. Perfekt zubereitet mit Ofenkartoffel, gegrilltem Gemüse und kanadischem Merlot. Bon Appetit!

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