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Victoria Glacier, Alberta

Der letzte Tag einer Reise gehört meist schon nicht mehr ganz dazu. Man ist mit Kofferpacken beschäftigt, checkt Abflugzeiten und hängt den wunderbaren Erinnerungen nach. Etwas uninspiriert knabbere ich also in meinen Toast in der Pension Tannenhof und warte auf den Sonnenaufgang. Gegen 9 ist es dann endlich soweit und ich kann es kaum fassen, denn Banff, nur unweit vom mächtigen Victoria Glacier gelegen, präsentiert sich unter einem strahlend blauen Himmel.

Nicht eine Wolke stört die perfekte Bergkulisse. Und ich soll bereits um 13 Uhr in Calgary sein. Um was? Meinen Mietwagen abzugeben?! Angeblich kennt Alamo mit „Delays“ ja keine Gnade, also kann ich es getrost gleich ganz seinlassen. Ich verabschiede mich von den netten Mädels im Tannenhof, verspreche, dass ich im Sommer wiederkomme und steuere den Dodge einfach mal in die entgegengesetzte Richtung. Zurück nach Lake Louise, um noch ein letztes Puzzleteil in die perfekte Kanada-Woche einzufügen.

Das prachtvolle Wetter bezahle ich mit einem ordentlichen Temperatursturz. Das Thermometer attestiert mir flauschige -20 Grad, als ich den Parkplatz am See erreiche. Gemessen an der Einsamkeit der letzten Tage ist heute hier die Hölle los. Denn es ist Ice Magic, was nichts mit Disney, sondern vielmehr mit einer Meisterschaft im Figurenschnitzen zu tun hat. Die 10 $ spare ich mir jedoch getrost und begebe mich sofort aufs Eis. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit auf dem Lake Louise zu wandern?

Doch mein eigentliches Ziel ist das Plain of Six Glaciers Tea House am Victoria Gletscher, der mir schon von weitem mit offenem Visier entgegenlacht.

Bereits nach wenigen Schritten bereue ich meine „no-long-underpants“ Strategie. Der Wind lässt meine Jeans in Sekundenbruchteilen am Oberschenkel gefrieren und wird durch meine „no-hat“ Strategie“ nur noch gesteigert. Doch Zurück ist auch keine Option, denn schließlich erwartet mich in 6,2 Kilometern ja bereits die Sonne.

Am Ende des Sees steigt der Weg leicht an, welcher gottseidank durch die Fußstapfen der wenigen Vorgänger etwas ausgetreten ist. Konzentrieren muss man sich trotzdem, denn nur einen Fußbreit links oder rechts, versinkt man augenblicklich im metertiefen Schnee.

Und so keuche ich bereits nach wenigen Metern und sehne mich nach einem Kakao mit Schuss im Chateau am See. Für diese Fata Morgana muss ich mich im Nachhinein fast schämen, denn der Weg führt durch die wohl perfekteste Winterlandschaft Kanadas. Die Douglastannen sind hier dick mit Schnee bepackt, die Wasserfälle glänzen als prachtvolle Eiszapfen in der Sonne und der mächtige Victoria Glacier bildet mit dem Mount Lefroy und Mount Victoria eine perfekte Gebirgsszenerie.

Da beneide ich nicht mal die Skifahrer, die im gegenüberliegenden Lake Louise Resort gerade ihre Kurven drehen. Nach gut 6 Kilometern endet dann der Pfad an einer Schutzhütte, die 1924 von Schweizer Bergführern errichtet wurde. Im Sommer mag es vielleicht Tee geben, im Winter hält sich hier nicht mal ein einsamer Wolf auf und so trete ich den wundervollen Rückweg an. Mehr rutschend als laufend, denn es geht ordentlich bergab.

Beim Anblick der illustren Warteschlange im ehrwürdigen Chateau Lake Louise, hake ich die heiße Schokolade lieber gleich ganz ab und steuere den Wagen direkt auf den Highway 1 in Richtung Calgary.

Natürlich kann ich Kanada unmöglich verlassen, ohne mir einen Kindheitstraum zu erfüllen. Einmal echtes Eishockey erleben, einmal zu einem NHL-Spiel gehen. Und was kann es da Besseres geben, als die Schlacht um Alberta. Calgary Flames vs. Edmonton Oilers, ausgetragen im berühmten Saddledome, dem prägnanten Eispalast der Olympischen Spiele von 1988. Schon vor dem Spiel spürt man die Vorfreude in den Straßen der Shopping- und Restaurantmeile 8 Ave. Überall nur rote oder auch erstaunlich viele orange-blaue Trikots. Doch in so ein Match sollte man stets gut gestärkt hineingehen und so wähle ich für den Abend das Blink, ein Gourmettempel, der gekonnt die richtige Mischung aus Ambiente, Geschmack und Preis auf den Teller bringt. Das es mir der Crêpe-Cake mit Karamell-Eis besonders angetan hat, steht außer Diskussion.

Doch dann war es endlich soweit. Es ist 20 Uhr und ich sitze in Reihe 6, also fast direkt am Eis. Wir erheben uns zunächst ehrfurchtsvoll für die kanadische Nationalhymne. Danach geht das Match mit einem Tempo los, dass man meint, unsere DEL-Cracks spielen komplett in Slow Motion. Ehe man sich versieht, führen meine Oilers schon mit 3:0. Und was läuft noch so anders hier in Übersee? In der Drittelpause tritt ein Zauberer auf, das Spiel wird mehrfach unterbrochen, damit frisch gelockte Mädels aus der Kim-Kardashian-Baureihe mit Schneeschiebern übers Eis wirbeln. Es gibt mindestens einen Faustkampf, zu dem „Eye of the Tiger“ läuft und beim Videobeweis, darf das Publikum fleißig mitraten. Während des Spiels herrscht übrigens absolute Stille. Gejubelt wird nur bei Tor, Check oder Faustschlag.

Was für ein Highlight, den Kanadiern bei ihrem ureigenen Spiel zuzusehen und was für eine Art den letzten Tag einer Reise zu beenden.

Hier findet ihr meinen Bericht zum Skifahren am Lake Louise.

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