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Das Posthotel, Zillertal

Noah hätte beim Anblick der Regenmassen sicherlich keine Sekunde gezögert und noch schnell ein paar Holzscheite zusammengeklaubt, um mit all den Murmeltieren und Steinböcken in Richtung Italien zu schippern. Obwohl ich mit dem Gattungsbegriff Steinbock durchaus etwas anfangen kann, rettet mich heute keine Arche, dafür vielmehr die höchst individuelle Lounge im ZillerSeasons Posthotel.

Das Interieur ist eine interessante Mischung aus Holz und farbigen Versatzstücken des französischen Modeschöpfers Christian Lacroix, die sich bis in die Sitzgruppen des wunderbaren Hotelrestaurants HeLeni vorgearbeitet haben.

Darüber hängen illustre Kronleuchter und schaffen eine verspielt-elegante Atmosphäre, die anscheinend auch bei uns im Norden gut ankommt, denn schließlich hält der SV Werder Bremen hier seit drei Jahren sein Sommer-Trainingslager ab. Die Zimmer, Suiten und Sky Lofts tragen die Namen umgebender Gipfel und so lasse ich mich in der 53m² großen Wildkar Suite nieder und genieße die Aussicht von gleich zwei Balkonen.

Theoretisch zumindest, denn leider legt Petrus gerade noch eine Schippe nach und lässt es ordentlich dahinplätschern, was jedoch nicht auf den restlichen Abend zutreffen sollte, da die regionalen Spezialitäten im HeLeni wirklich exquisit sind. Auch wenn die erste Ente, nur wenige Sekunden nach der Landung, direkt wieder an den Nachbartisch fliegt, ist der zweite Versuch mehr als erfolgreich. Zum guten Abschluss winkt eine hausgemachte Praline, sowie die Aussicht auf meine Mega-Luxus-Matratze aus Naturlatex, die mich am liebsten gar nicht wieder freigeben möchte.

Das schlechte Gewissen und die Hoffnung auf Wetterbesserung lassen mich um 6.45 unsanft rausklingeln, nur damit ich anschließend in eine grauweiße Nebelbank starre. Was erlauben Zillertal? Also zurück in die stabile Rückenlage, Kissen über den Kopf und…es hilft ja nichts. Mit etwas Phantasie lässt sich sogar schon blauer Himmel über den schneebedeckten Berggipfeln ausmachen und wach bin ich jetzt eh. Das Posthotel hat einen eigenen Wander-Guide mit Namen Jasmin und sie empfiehlt mir einen wunderbaren 7-stünder zum Friesenberghaus, aufs Petersköpfl, weiter zur Olpererhütte und natürlich zum Schlegeis Speicher. Hätte ich mal nicht so viel geprahlt mit Sprüchen wie: „Geführte Wanderungen sind was für Rentner“, „Ich will möglichst viele Höhenmeter gehen“ und „Ich bin schnell und schaffe viel“.

Vollmundig stehe ich erst einmal vor der roten Ampel am Beginn der Mautstraße zum Schlegeis Speicher. Wartezeit 16 Minuten! Mein Fenster kurbelt sich fast von selbst herunter und ich frage die Dame vom Mautinkasso, ob denn das ein schlechter Scherz wäre. Nix Scherz, Motor aus, entschleunigen, abwarten, denn die Straße ist auf 2 Kilometern einspurig.

Endlich geht es los und die schönsten Kurven des Zillertals führen durch eine spektakuläre Gebirgslandschaft, die hin und wieder durch alte, etwas baufällig wirkende Tunnel unterbrochen wird. Am Ende der 13 Kilometer langen Straße erstarrt man förmlich vor der 131 Meter hohen Staumauer der Schlegeis Sperre.

Nicht ganz so ehrfürchtig nehmen es die paar Kletterfreunde, die den glatten Beton mittlerweile als Climbing-Paradies nutzen. 1.260 Löcher für Tritte, Griffe und Sicherheitsseile hat man investiert, um hier eine neue Attraktion zu schaffen. Doch meine Mission spielt sich ein paar Höhenmeter weiter oben am 2.477 Meter hoch gelegenen Friesenberghaus ab. Vom Parkplatz Schlegeis Speicher geht es zunächst recht gemächlich aufwärts und man genießt bereits nach 10 Minuten den ersten Hammer-Blick auf den türkisenen Bergsee, der es mit seinen kanadischen Schwestern Louise und Maligne locker aufnehmen kann. Über Schieferplatten bewegt man sich durch eine Gebirgstundra, dessen Moosfelder und Flussläufe über Holzplanken gemeistert werden.

Nach guten 100 Minuten erreiche ich mein erstes Etappenziel und blicke auf das einladende Friesenberghaus und den gleichnamigen See, der durch drei kleine Schneefelder eingerahmt wird. Aufgrund einer Gewittervorhersage schenke ich mir die Einkehr und steuere direkt auf die aufstrebenden Stufen des Berliner Höhenwegs zu, der mich in 1,5 Stunden zur berühmten Olpererhütte bringen soll. Etwas Trittsicherheit kann unterwegs nicht schaden, da der Pfad hin und wieder etwas schmal am Abgrund balanciert und die Schieferplatten nicht immer leicht zu bedienen sind. Dafür ist die Aussicht stets championsleague-würdig und man beneidet fast die weidenden Kühe, die hier in aller Ruhe ihren Lebensalltag genießen dürfen.

Die Olperer Hütte verspricht dem hungrigen „Wandersfreund“ ein Gaumenerlebnis auf 2.389 Metern Höhe über dem Alltag, doch ich sehe meine Entspannungsphase mehr als gefährdet, da der einzig freie Tisch hinter einer sechsköpfigen Herrenrunde liegt, die von Tiroler- bis Bonanzahut so ziemlich jede verrückte Kopfbedeckung aufgesetzt hat.

Und ich denke noch, Malle ist vielleicht doch zweimal im Jahr, als mich diese Schweigewirtschaft komplett überrascht. Lange hört man nichts, dann plötzlich, wie aus heiterem Himmel: „Und, schmeckt der Kuchen?“. Wieder lange nichts, dann ein: „Ja“. Gut, überzeugt. Hier kann man wohl unbedarft zur Süßspeise greifen und so setze ich meine Kaiserschmarrn-Festspielwochen ungeniert fort und merke kaum, als sich plötzlich Hüttenwirtin Katharina Daum an meinen Tisch gesellt.

Die Extrembergsteigerin mit ordentlich Himalaja Erfahrung hat heute ganz irdische Probleme und fragt mich, ob mir auf dem Weg zwei Ziegen entgegenkommen sind. „So einige“ sage ich, aber sie hatte wohl zwei ganz bestimmte im Sinn. Ich verabschiede mich von Katharina und mache mich zum Abschluss auf die 3-stündige Neumarkter Runde, jenem Panorama Höhenweg, der wieder hinab zum Parkplatz am Schlegeis Speicher führt.

Auch wenn man von der Olperer Hütte deutlich schneller zum Ausgangspunkt wandern kann, ist diese extra Schleife jeden Kilometer wert, da der Ausblick auf Gletscher und Gipfel stets atemberaubend ist.

Landschaftlich noch tief beeindruckt, lasse ich mich später im Posthotel müde in den solarbeheizten Außenpool fallen und drücke unwillkürlich auf den Blubber-Massage-Knopf. Ein Gewitter zieht über das Zillertal, große Regentropfen fallen träge aus dem tiefschwarzen Himmel und erzeugen einen Moment für die Ewigkeit.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Das Posthotel.

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