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Angels Landing, Zion Nationalpark

„Das ist der Weg mit den vielen Toten“ höre ich eine füllige Südstatlerin sagen, die wie ich den Shuttlebus im Zion Nationalpark nutzt, um vom Parkplatz zu den Aussichtspunkten am Virgin River zu gelangen. Damit meint sie natürlich nicht irgendeine Wanderung, sondern die sagenumwobene Tour zum Angels Landing, jenem Trail, der exakt heute auf meiner Bucket-List steht.

Bereits vor 15 Jahren bin ich die Kehren bis zum Scout Lookout gegangen, um dann beim schieren Anblick auf das extrem steile Reststück freiwillig abzubrechen. Heute soll also alles anders werden. Die unzähligen Go-Pro Videos im Web machen es wirklich nicht leicht. Der Kommentar eines Freundes: „Der Weg ist so breit wie eine Fußmatte und links und rechts geht´s 500 Meter in den Abgrund“ auch nicht. Doch Urängste sind dafür da, um besiegt zu werden. Also mache ich mich auf den Weg, der auf den ersten 20 Minuten recht harmlos am Ufer des herrlich idyllischen Virgin River vorbeiführt.

virgin_river_zion_nationalpark

Danach folgen die unvermeidlichen Kehren der Walters Wiggles, die schon etwas die keuchende Spreu vom Weizen trennt. Eine Vogelspinne kreuzt meinen Weg. Ein Omen? Das hake ich mal schnell lieber ab und versuche meine Kräfte für das Finale zu schonen.

angels_landing_trail_zion_turnagain

Bereits nach 45 Minuten erreiche ich den besagten Scout Lookout und bin überrascht über den schnellen Anstieg, da die Tour als Rundweg mit insgesamt 4 Stunden deklariert ist. Frohen Mutes drücke ich mir noch einen Müsli-Energy-Riegel rein und trinke etwas Wasser.

Und dann fällt mein Blick auf die dramatische Felswand des Angels Landing und mein Herz scheint kurz auszusetzen. Immer noch die Gelegenheit einfach hierzubleiben und den Anblick zu genießen. Warum tue ich mir das bei meinen Höhenängsten überhaupt an? Doch ich will es wenigstens versuchen, auch wenn der erste Hammer nicht lange auf sich warten lässt.

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Der Pfad wird bereits nach wenigen Metern zur „Fußmatte“ und links und rechts gibt es kein Halten mehr. Die einzige Sicherung ist eine zentimeter-dicke Kette, an der bereits ein paar zitternde Japanerinnen hängen.

Ich schieße ein paar Fotos ohne wirklich durch den Auslöser zu sehen. Fokus, Freunde! Und Fokus ist die Kette und der sandige Fels, der noch etwas rutschig vom gestrigen Regen ist. Danach wird geklettert, denn es gilt immerhin noch 800 Meter zu bewältigen.

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Und wieder kommt mir eine Gruppe von locker 20 Wanderern entgegen. Das heißt immer wieder warten am Steilhang oder umgreifen am Seil. So geht es Meter um Meter nach oben und ich blamiere mich mit dem „no-go“ nach der Länge des Weges zu fragen. 45 Minuten??! WTF! Im Grunde wäre man schneller, wäre nicht so viel Traffic auf dem letzten Teilstück. Unfassbar auch mit welchem Schuhwerk (Flipflops & Co.) manche hier zu Werke gehen. 15 Minuten später erreiche ich ein etwas breiteres Plateau und wage den Blick in den Zion Canyon. Es bleibt beim Versuch, denn mir wird schlagartig klar, den „Point of no Return“ erreicht zu haben. Zurück ist genauso unlustig wie nach oben. Also nach oben!

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Die Kletterpartien nehmen zu und hin und wieder fehlt auch mal das Seil, was mir unter Wanderern anschließend die Haltungsnote 6 einbringt. Häufig stark gebückt, hin und wieder auf allen Vieren, gerne auch mal auf dem Hintern, nähere ich mich dem Ziel. Doch ich bin noch im Rennen. Eine entgegenkommende Amerikanerin bemerkt meinen angeschlagenen Gesichtsausdruck und spricht die magischen Worte, die wie Doping wirken: „You´re almost there“.

Die letzten Meter führen über einen schmalen aber ebenen Grad und dann hat man das Gipfelplateau erreicht. Wahrhaftig, der Landeplatz der Engel gehört zum Spektakulärsten, was ich je gesehen habe. In alle vier Himmelsrichtungen liegt mir der wunderschöne Zion Nationalpark zu Füßen.

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Ich gönne mir 10 Minuten, dann kapituliere ich vor der eigenen Unruhe, die sich nur mit dem drohenden Abstieg beschäftigt. Doch erstaunlicherweise gestaltet sich dieser deutlich entspannter, auch was meine Höhenangst betrifft. Es ist weniger los am Fels und so brauche ich lediglich eine knappe halbe Stunde, um wieder am „sicheren“ Scout Lookout anzukommen. Ich drehe mich um und die gigantische Felswand, scheint mir noch einmal respektvoll zuzunicken. Gut gemacht, Junge.

Insgesamt war ich für die 4,35 Kilometer gute 2 ½ Stunden unterwegs und habe 450 Höhenmeter bewältigt. Für Leute mit Höhenangst ist die Tour sicherlich eine grenzwertige Erfahrung. Der Ausblick jedoch liegt auf einer Skala von 1-10, bei einer soliden 12.

Noch mehr Wanderung gibt es in meinem Artikel über die Tour zur Phantom Ranch im Grand Canyon.

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