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Die Lofoten, Teil 2 Reine

Nach dem Aufstieg zur Ballstadheia wägte ich mich bereits auf dem Höhepunkt meiner Lofoten-Reise, war der Panoramablick über die Fjordlandschaft um Leknes doch so einzigartig, dass mir schier die Buchstaben ausgingen. Doch die heutigen 120 Kilometer von Svolvær nach Reine sollten alles bisher Dagewesene noch einmal in den Schatten stellen.

Dafür wird mir am Arctic Circle ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch serviert, der zeitweise das Thermometer auf rekordverdächtige 19 Grad ansteigen lässt. Ich bin kurz davor Sonnencreme aufzutragen und zum ersten Mal richtig froh, die Nebensaison von Mai bis Mitte Juni als Reisezeit gewählt zu haben, denn auf den Straßen, in den wenigen Cafés und Restaurants und in den Unterkünften ist recht wenig los. Im Hochsommer brauchst du hier, aufgrund des begrenzten Angebots, sicherlich Ellenbogen und jede Menge Glück und Geduld.

Ich starte meine heutige Tour in den Südwesten mit den berühmten Surfern vom Unstad Arctic Surf, die aber in Anbetracht der Temperaturen und lauen Lüftchen, lieber in ihren umgebauten VW-Bussen chillen. Von Nervenkitzel auf dem Wasser wenig zu spüren, dafür umso mehr bei der Anfahrt durch den einspurigen, kurvenreichen und gänzlich unbeleuchteten Tunnel. Wer bitteschön hat hier Lust im Rückwärtsgang zu manövrieren? Da hilft nur Augen zu, durch und auf das viel zitierte Glück der Nebensaison hoffen.

Deutlich romantischer wird es dann am 20 Kilometer südlich gelegenen Südseestrand von Haukland, wo das grün-schimmernde Wasser auf blütenweißen Sand trifft und Schnappatmung beim Betrachter erzeugt, die auch beim vorsichtigen Hineingleiten mit den Zehen nicht aufhört. Erinnert stark an die Traumstrände von Kapstadt, denn auch hier gilt: Nur gucken, nicht anfassen und schon gar nicht eintauchen. Die große Dating-Show von „Berg trifft Strand“ erreicht in etwa bei Vareid ihren vorläufigen Höhepunkt und schlängelt sich dann bis nach Flakstad fort.

Aussteigen, knipsen, einsteigen und so weiter, so lange bis jeder Strandabschnitt auf der Speicherkarte festgehalten ist. Man ist richtig froh, dass bei 80 km/h Schluss ist auf den Lofoten, denn schneller möchte man gar nicht unterwegs sein auf dieser Traumstraße der Fjorde und Berge. Zudem gibt es immer wieder einspurige Abschnitte, die mit Ausweichbuchten allerdings problemlos zu organisieren sind. Noch ein letzter Tunnel, dann ist es endlich soweit und mein Instagram-Feed wird lebendig und verwandelt sich in die berühmte Hafenkulisse von Hamnøy.

Ein paar Fischerboote schaukeln vor dem mächtigen Haifisch-Zacken des Olstinden (675 m), dazu die obligatorischen Hütten und eine kulinarische Institution, die auf keiner Lofoten-Reise fehlen darf: Anitas Sjømat, wo es die besten Fisch-Burger auf den Inseln gibt.

Ich kann euch uneingeschränkt den „Winnie the Pooh“ mit geräuchertem Lachs und Shrimps empfehlen. Genauso wie das zum Hotel umgebaute Fischerdorf Reine Rorbuer, der vielleicht schönst-gelegenen Unterkunft von Reine.

Für die nächsten 2 Tage beziehe ich die Nummer 14, sitze auf meinem gemütlichen Stoffsofa und blicke direkt auf die Hafenbucht von Reine. Die umgebauten Original-Fischerhütten, bieten allen Komfort, den man hier oben braucht. Insgesamt gibt es 2 Schlafräume für 4 Personen, einen großen Wohn- und Essbereich mit voll ausgestatteter Küche und einer heißen Dusche für ordentliche Schmuddeltage.

Die Küche überlasse ich galant dem Nachmieter, denn schließlich gibt es im hoteleigenen Restaurant Gammelbua hervorragenden Fisch und ordentliche Steaks. Eine Tankstelle, ein kleiner Einkaufsladen, ein Café und jede Menge aufgeknöpfter Stockfische verschaffen dem Reine Rorbuer eine gewisse Unabhängigkeit von jeder Wetterlage.

Zeit für zwei Touren in der näheren Umgebung, will heißen, dass wir etwa 20 Minuten zurück nach Fredvang müssen, um da zunächst die Wanderung zum Kvalvika Beach anzutreten. Zunächst bin ich tief geschockt von derlei Ansturm auf dem Wanderparkplatz, der mit 5 Autos bereits aus allen Fugen platzt.

Und als wäre das nicht schon ein KO-Schlag mit der Tourismuskeule, findet sich bei Trailbeginn sogar ein Schild, danach ein Pfad und so etwas wie Holzbalken, die über das stets feuchte Moos gelegt wurden. Ist das noch Norwegen oder gehört die Strecke bereits zum Hoheitsgebiet des Deutschen Alpenvereins? Trotzdem freue ich mich natürlich über die Markierungen am Wegesrand und erreiche bereits nach 30 Minuten den Kamm, der die erste Aussicht auf das türkis-schimmernde Meer am (fast) einsamen Kvalvika Beach bietet.

Danach streift man durch ein Geröllfeld weitere 30 Minuten nach unten, um dann barfuß am Strand zu schlendern. Wer es dann wirklich einsam haben möchte, kann sich noch an Drahtseilen entlang der Felsen bis zu einer zweiten versteckten Bucht durchhangeln. Prädikat: Rutschig aber machbar.

Meine zweite Tour hinauf zum Ryten habe ich dann leider auf den Folgetag geschoben, was in Anbetracht des durchschnittlichen Sonne-Wolken-Mix-Wetters im Nachhinein ein Fehler war. Sonne gibt es meist nur an der Küste, während die Berge im tiefen Grau der Wolken verschwinden. Ab der Hälfte habe ich quasi nichts mehr gesehen und 20 Minuten vor dem Gipfelerlebnis ergebnislos abgebrochen. Wer schon mal da oben war, der möge mir einfach ein paar Fotos zeigen.

Zeit den abgebrochenen Vormittag in Gold zu verwandeln und so steht nach einem Besuch im Fischerdorfmuseum von Nussfjord, noch das Dinner im Maren Anna Restaurant in Sørvågen auf dem Programm.

Dieses umgebaute Bootshaus liegt direkt an einem kleinen Hafen und sieht vom Interieur her nicht nur urig-stylisch aus (ja, das geht), sondern bietet auch eine erstklassige Küche. Bester Fisch, bester Brownie, bester Abend. Nachmachen!

Fehlt noch ein Sahnehäubchen? Okay, dann setz dich einfach vor deine Fischerhütte im Reine Rorbuer und genieße den Sonnenuntergang, der keiner sein wird, aber trotzdem wahnsinnig gut ausschaut. Angenehme Tagträume.

Die Lofoten lassen wirklich keinen kalt, sondern bieten eine Atmosphäre aus Naturverbundenheit, Einsamkeit und Entdeckergeist, wie es sie nur noch selten auf der Erde gibt.

Doch man braucht natürlich Wetterglück, denn nur bei Sonnenschein lassen sich alle Facetten dieser Berg- und Fjordlandschaft in voller Pracht genießen. Von daher meine Empfehlung: Wenn ihr einen “epic day“ erwischt, dann nutzt jede gottverdammte Stunde am Tag, denn schlafen könnt ihr auch noch Morgen, wenn es dann vielleicht wieder regnet.

Hier geht es zum 1. Teil meines Berichts über die Lofoten, der die Gegend um Svolvær beschreibt.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Reine Rorbuer und der wunderbaren Organisation von Alicja Kass.

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