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Sankt Petersburg, Russland

Das Taxi rast mit Tempo 100 durch die Altstadt von Sankt Petersburg. Ein paar wenige Nachtschwärmer streunen durch die verwaisten Gassen und trotzen der bitterkalten Aprilnacht, die den letzten Schneefall nicht einmal verdauen konnte. „Die Russen nix gut Autofahrer“ gibt unser Taxi-Driver zum Besten und spricht ein weiteres Mal in den Google-Translator, um noch um 2.30 Uhr in der Früh eine halbwegs passable Stadtführung abzuliefern. Eine Hand am Handy, die andere am Steuer, der Fuß ein Paradestück aus reinstem Blei, welcher uns in atemberaubender Geschwindigkeit über den hell erleuchteten Newskij Prospekt jagt, als würden wir vom KGB verfolgt. Etwa 30 Minuten braucht Vladim für die Fahrt vom Flughafen zum DOM Boutique Hotel und lässt uns mit einem freundlichen Grinsen und den herzlichsten Glückwünschen zurück. Dreifacher Marktpreis! Mit Touristen kann man es machen.

Ich bin das erste Mal in Sankt Petersburg und froh, den Schritt gewagt zu haben, denn die Visa-Beantragung ist nicht ganz einfach. Etwa 120 € kostet der Spaß und verlangt den Versand von Reisepass, Verdienstbescheinigung, Krankenversicherungsbeleg samt Foto und Einladung vom Hotel an die russische Botschaft.

Doch das DOM Boutique hat nicht nur eine bestechende Lage inmitten der Altstadt, sondern zeichnet sich auch durch entsprechende Hilfsbereitschaft aus, so dass der Prozess am Ende in 14 Tagen erledigt war. Nach einer kurzen Nacht erwische ich so gerade noch das Frühstück, um gut gestärkt den Tag zu einem der schönsten in diesem Jahr zu machen. Die extra Stunde Schlaf, hole ich locker wieder rein, denn in 10 Gehminuten stehe ich bereits vor der imposanten Auferstehungskathedrale, deren oberster Glockenturm gemeinerweise „under construction“ ist.

Wie soll ein „Schönwetterknipser“ wie ich nur so ein Gerüst umgehen? Mit Schönwetter halt und einem Ticket für den Innenraum, denn die Erlöserkirche von 1883, von Alexander dem III. im altrussischen Stil erbaut, lässt im Inneren wunderschöne Mosaike erstrahlen.

Vorbei an den unzähligen Babuschka-Souvenirständen führt die Stadt mich anschließend in ihr großzügig angelegtes Herz aus Palästen, Kirchen und Prunkbauten, um mich am Schlossplatz gegenüber der Eremitage wieder freizugeben. Das größte Kunstmuseum der Welt, welches den Louvre ganze zehnmal verschlingen könnte, präsentiert nicht weniger als 65.000 Kunstwerke in über 1.000 Sälen, für die man angeblich 70 Jahre Besichtigungszeit einplanen sollte.

Eindeutig zu viel für den Einstieg, so dass ich mich auf die 360-Grad-Panorama-Terrasse von „Gottes Tintenfass“ begebe, wie der Spitzname der 43 Meter hohen Goldkuppel der Isaakskathedrale lautet.

Der Anblick über die Türme und Kuppeln macht erst einmal sprachlos und wer gerne zweimal nacheinander sprachlos ist, löst für 350 weitere Rubel noch das Ticket für den Innenraum, denn mehr Marmor, Edelsteine und Gold kann das menschliche Auge kaum erfassen.

Nach so viel „aah“ und „ooh“ brauche ich dringend einen Koffein- und Zucker-Kick, den ich mir stilecht in der Bar des Grand Hotel Europe abhole. Hier hat schon Bill Clinton am Saxophon gespielt und sicher auch das ein oder andere Törtchen verdrückt.

Zurück ins DOM Boutique Hotel, welches Jahr für Jahr zu den besten Unterkünften der Stadt gewählt wird und durch modernes Design mit persönlicher Note besticht. Das Personal ist zudem sehr freundlich und hilft gerne bei Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Taxi-Diensten.

Durch die Lage am Sommergarten und dem Fontanka Kanal hat man stets absolute Ruhe vor dem Lärm der Großstadt und ist trotzdem jederzeit mitten im Geschehen. Gut erholt geht es in einen der besten Restaurant-Tempel der Welt, ins MR. Bo, wo ein junges Team eine kleine Erlebniswelt aus offener Küche, Barhockern und Esstischen aufgebaut hat. Dazu laufen Disco-Beats und ein gut betuchtes Petersburger Publikum erfreut sich an wunderbar zubereiteten Haupt- und Vorspeisen. Es gibt Schweinebauch, Zander, Lachs oder Kabeljau und dazu erstklassige Weine, während hinter der Glasscheibe ein sechsköpfiges Team aus Food-Artisten die Flammen sprühen lässt.

Wie gesagt, geschmacklich sind die Jungs kaum zu schlagen und gehören mit dem MR. Bo zu Recht, zu den drei besten Restaurants der Stadt. Ähnlich gut ist übrigens auch die Duo Gastrobar, die in unmittelbarer Nähe mit gleichem Menü-Konzept wahre Gaumenexplosionen erzeugt.

Bei allen Errungenschaften eines Indiana Jones, ist es ihm nie gelungen, dass verschwundene Bernsteinzimmer zu finden. Er hat es nicht mal versucht, so dass ich mich mit dem Uber-Klon Yandex Taxi für 600 Rubel auf den Weg ins 25 Kilometer südlich gelegene Puschkin begebe, wo der Katharinenpalast steht.

Ein paar Schneeflocken segeln auf die zugefrorenen Teiche und die wartenden Tagesticketbesucher (700 Rubel Eintritt), die erst einmal Schlange stehen müssen, bis auch sie endlich in den prunkvollen Goldpalast von Katharina der I. eintreten dürfen. Noch schnell die Jacke abgeben (ansonsten kein Eintritt) und vorbei an unzähligen Reisegruppen hinein in den 900 Quadratmeter großen Saal, in dem es vor Gold und Spiegeln nur so glänzt.

Ich möchte nicht wissen, was hier im Sommer los ist, wenn schon in der Off-Season kaum ein Durchkommen zwischen den einzelnen Sälen und Räumen möglich ist. Es werden reichlich Fotos geschossen, bis man dann plötzlich ohne Trommelwirbel und Applaus im weltberühmten Bernsteinzimmer steht. „Das ist es also?“ frage ich mich und zücke das Smartphone, nur um etwas ruppig von einer russischen Museumsagentin ermahnt zu werden. „No photos inside the Amber Room“. Na klar, zu leicht könnte man es daheim mit ein paar Klunkern vom OBI nachempfinden.

Ich versuche so viel wie möglich in meinem Gedächtnis festzuhalten, schließlich ist das Original nach dem Nazi-Stunt von 1941 und einer kurzen Ausstellung im Königsberger Schloss nie wieder aufgetaucht. Erst 2003 wurde es original getreu an seiner alten Wirkungsstätte (hier befand es sich immerhin rund 200 Jahre) rekonstruiert, wie so viele andere Räume im Palast, die durch den 2. Weltkrieg zerstört wurden. Ohne Führung ist man in ca. 45 Minuten durch und kann noch durch die Lustgärten wandeln oder der Rekonstruktion der Schlosskirche beiwohnen.

Alles in allem war meine Erwartungshaltung an diesen geschichtsträchtigen Ort wohl zu hoch, als dass die Rechnung aufgegangen wäre. Dennoch: Ich habe das achte Weltwunder gesehen Dr. Jones!

Kein Aufenthalt in Sankt Petersburg ist ohne einen Besuch des berühmten Mariinskij-Theaters perfekt, da es wohl das einzige Opern- und Balletthaus des Landes von Weltrang ist. Da gerade kein Nussknacker zur Hand ist, entscheide ich mich für die Oper Don Quixote im altehrwürdigen Palast, obwohl es seit 2013 auch einen 2.000 Zuschauer umfassenden Neubau mit besserer Akustik gibt.

Doch es lebe die Tradition und die ist im Opernfach leider nur mittelmäßig wie auch die Inszenierung an sich. Es war dennoch ein schönes Erlebnis, welches zum Einstieg flankiert wurde durch das beste Steak im Stroganoff Steak House sowie einem Cocktail-Absacker in der berühmten Xander Bar.

Zeit sich dem zweiten Rätsel russischer Vergangenheit zum widmen und zwar dem Nicht-Überleben der Zaren-Tochter Anastasia Romanow, die gemeinsam mit der ganzen Familie am 16. Juli 1918 von den Bolschewiki hingerichtet wurde. Dafür überquere ich die Neva und begebe mich auf die Petrograder Seite, dem ältesten Teil von Sankt Petersburg, wo am Ufer die Peter-Paul-Festung liegt.

Es ist Sonntag und halb Petersburg ist auf den Beinen, um die kalten Sonnenstrahlen zu genießen, so wie die Handvoll Männer, die nur mit einer Badehose bekleidet, vor der Festungsmauer friert und sich hin und wieder in der Neva „runterkühlt“. Der russische Mann ist eindeutig aus einem anderen Holz geschnitzt. Schon von weitem sticht die goldene Nadel der Peter-Paul-Kathedrale in den stahlblauen Himmel und zeigt mir den Weg zur letzten Ruhestätte der Romanows. Meine Erwartung ist mal wieder enorm und wird diesmal vollends erfüllt, denn die opulente Barrockkirche ist ein Gesamtkunstwerk aus 39 Grabstätten, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss.

Ich stapfe zwischen den Marmor- und Steinsärgen hin und her, doch Zar Nikolaj der II., letzter seiner Art, ist zunächst nicht auffindbar, was daran liegt, dass die 1998 überführten Überreste der ermordeten Romanows, in einer kleinen Seitenkapelle untergebracht sind. Abgesperrt durch eine Kordel blickt man nunmehr auf die Steintafeln der ganzen Familie, die erst im Jahr 2007, mit den verschollenen Gebeinen der Kinder Maria und Alexej, wiedervereint wurde.

Der Kreis der Geschichte schließt sich, so wie sich meine Zeit in Sankt Petersburg mit dem Besuch der Eremitage schließt. Hier haben die Russen all ihre Kunstschätze aufbewahrt, von Leonardo Da Vinci bis Michelangelo, vom Römischen Reich bis ins alte Ägypten.

Und doch gehen sie im Prunk der Räumlichkeiten unter, wie einst die Bundeslade aus Indiana Jones. Jedes einzelne Kunstwerk, jedes Mosaik in den unzähligen Kirchen dieser Stadt, jeder Kanal entlang der Neva und Mojka, jede prunkvolle Fassade ist nur ein leuchtender Komet in einem gigantischen Universum aus Sternen. So ist Sankt Petersburg.

Dieser Artikel entstand auf Einladung des DOM Boutique Hotel in Sankt Petersburg.

Noch mehr Großstadt-Feeling gibt es in meinem Bericht über New York City.

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