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Orange Grove Farm, Robertson

Ein kleiner Springbok gerät in den Lichtkegel meines Scheinwerfers und versucht sich verzweifelt der gleißenden Anziehungskraft zu entziehen. Hin und wieder hält er inne, um letztlich doch der Straße zu folgen, bevor er kurz vor meinem Ziel im Dickicht verschwindet. Danach herrscht wieder Stille und der sternenklare Nachthimmel leuchtet mir die letzten Meter bis zum Longlands Cottage auf der Orange Grove Farm, mitten im Nirgendwo des Robertson Wineland.

Das kleine Chalet im kapholländischen Stil steht erhaben auf einem Hügel, blickt am Tag über ein endloses Meer aus Olivenbäumen und Weinreben und ist doch der komplette Gegenentwurf zu den quirligen Boutique-Hotels entlang der klassischen Weinroute von Franschhoek nach Paarl.

Begonnen hat meine Zeitreise in die totale Entschleunigung ganze 10 Stunden zuvor mit dem Abschied aus Kapstadt, von wo aus man in etwa 2 Stunden den Abzweiger von der R60 zur Orange Grove Farm nimmt. Schon auf dem Weg zur Rezeption wird mir die Einsamkeit dieser Berg- und Tallandschaft bewusst und so wundert es mich kaum, dass an der geschlossenen Tür lediglich ein Zettel hängt, der mich herzlichst willkommen heißt. Mit einem kurzen Anruf setze ich dann aber eine Kette an eingespielten Mechanismen in Gang, nach der ich ganze 10 Minuten später schon auf besagtem Hügel stehe, Besitzer eines 2-Stockwerke großen Cottage bin und mich an den Rand meines kleinen Infinity-Pools wage.

Ich habe keine weiteren Programmpunkte mehr für den Tag geplant und das ist gut so, denn ich bin vollauf damit beschäftigt, den Trauben beim Reifen zuzuschauen. Ein lauer Wind fällt sanft die Langeberg Mountains hinab, die Sonne knackt die 30 Grad-Marke und ich lasse mich von den bunten Vögeln inspirieren, die sich immer wieder an meinem Pool erfrischen.

Über 200 Jahre steht diese Farm hier schon und umfasst ein Gebiet von über 800 Hektar, zu denen weitere 2.400 hinzukommen, die sich in Bergen, verlassenen Quellen und Wasserfällen verlieren. Immer eingebettet in ein Arrangement von Fynbos, Renosterveld und Proteapflanzen, die der Landschaft diesen friedvollen Charakter verleihen. Wer diese Stille wirklich einmal durchbrechen möchte, hat immer die Gelegenheit zwischen 4 „unguided“ und mindestens so vielen geführten Wanderungen zu wählen, die alle bei den Cottages oder der Rezeption starten. Das hebe ich mir für den nächsten Morgen auf und bereite mich lieber auf meinen Ausflug nach Robertson vor, wo ich im Gastro-Tempel „Four Cousins“ erwartet werde, den ich hier mitten in dieser beschaulichen Ecke kaum erwartet hätte.

Das Restaurant wirkt innen top modern mit seinen lässigen Sofas, großen Fenstern, kühlen und klaren Formen und bietet kulinarisch einen überzeugenden Mix aus Meat & Fish, der natürlich frisch gegrillt auf dem Teller landet. Der georderte Wein kommt stets in Begleitung von zwei weiteren Flaschen, die als Sicherheit dienen, falls der bestellte Tropfen doch nicht überzeugt. Das Bier ist natürlich ein selbstgebrautes Draft-Beer mit Namen Boet und als Absacker gibt es den Red Muscadel von Van Loveren, einen Dessertwein, den es nach Bacon-Cheeseburger und Schoko-Brownie unbedingt braucht. Nach so viel Großstadt-Hektik geht es schließlich zurück in besagte sternenklare Nacht im Longlands Cottage, die an Stille kaum zu überbieten ist. Hin und wieder glaubt man es draußen rascheln zu hören, doch es ist wahrscheinlich nur der aufkommende Wind, der an den Fensterläden zieht.

Am nächsten Morgen stehe ich schon früh auf der Veranda, um die Ankunft des Frühstück-Transporters zu beobachten. Gegen 8 Uhr ist es dann soweit und ich kann einen Jeep am Horizont ausmachen, der sich entlang der Schotterpiste zwischen Weinreben und Olivenbäumen bewegt und die steile Kurve Richtung Cottage nimmt. Ein herzliches „Good Morning“ und schon drückt mir der „Chef de Cuisine“ einen Korb mit frischen Croissants, Scones und Jogurt in die Hand.

Mit den Worten „Enjoy your breakfast“ verabschiedet er sich schneller, als er gekommen ist und lässt mich auf der sonnendurchfluteten Veranda zurück. Puh, jetzt erst einmal einen Kaffee, denn mit so viel Aufregung habe ich heute gar nicht gerechnet. Um meinen Kreislauf anschließend wieder auf Normalmodus zu bringen, schließe ich meinen Besuch mit der Wanderung auf dem Peeboom Dam Trail ab, der einem das ganze Tal aus der Vogelperspektive präsentiert. Was für eine friedliche Stimmung, so fernab von Beruf, Blog und Heimat. Ich habe in der ganzen Zeit hier nicht einmal euch gedacht. Versprochen.

Das wird natürlich anders, wenn man ins etwa 90 Minuten entfernte Hermanus fährt, ein Küstenort, der weltbekannt ist für seine Walbeobachtung, die hier von September bis Dezember möglich sein soll.

Ganz ehrlich: Ich war schon dreimal dort und habe bisher nicht einen einzigen Wal zu Gesicht bekommen. Ich war schon an so vielen Plätzen der Erde, wo es angeblich Wale geben soll, doch auch dort waren sie immer rechtzeitig verschwunden, bevor ich um die Ecke biegen konnte. Warum sollte es diesmal anders sein? Die Vorzeichen stehen wieder einmal schlecht, da mir die Boots-Company, aufgrund des aufkommenden Windes, kurzerhand die 3-stündige Whale-Watching-Tour gestrichen hat. Die Sonne knallt zwar ordentlich vom Himmel, doch der Seegang lädt wohl nicht zum Captains Dinner ein, so dass mich die Worte bei Ankunft im Hotel positiv bis stutzig machen. Angeblich „a lot of activity this morning“ im Hause „Southern Right Wale” und zwar direkt an der Küste. Spätestens jetzt hält mich nichts mehr und ich stürme an den wundervoll angelegten Cliff Walk, der sich über 12 Kilometer entlang der Walker Bay zieht und wirklich spektakuläre Blicke auf Felsen und Hermanus bietet.

Es dauert keine 10 Minuten und ich habe den ersten freilebenden Wal vor der Linse. Keine 50 Meter vor der Küste tollen zwei 14 Meter lange Exemplare im Atlantik und zeigen Finne, Flossen und hin und wieder sogar ihr komplettes Haupt, um dann wieder für kurze Zeit abzutauchen. Zufall, Glück?

Mitnichten, denn dieses Schauspiel geht den ganzen Tag so weiter und man ist immer wieder erstaunt, wie nah sich diese Giganten der Meere an die Bucht heranwagen. Wäre das Wasser warm genug, könnte man ihnen glatt entgegenschwimmen. Am Ende erinnert mich die stundelange Walbeobachtung wieder an meinen Ausflug zur Orange Grove Farm, denn beides hat etwas Meditatives und holt mich für kurze Zeit aus meinem Alltagstrott aus Meetings, Timings und Deadlines. Danke dafür!

Dieser Artikel entstand auf Einladung der Orange Grove Farm in Robertson. Fahrt dorthin, genießt die Stille, denn ihr werdet schon bald vergessen haben, von wem ihr diesen Tipp überhaupt hattet.

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