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Badrutt´s Palace, St. Moritz

Der Morgennebel klebt noch wie Zuckerwatte an den bewaldeten Hängen des Piz Mezdi, während die aufgehende Sonne den St. Moritzsee bereits in warmes, weiches Licht taucht und einen Hauch von Melancholie in mir erzeugt. Ist man eigentlich glücklich oder eher traurig, wenn man ein Puzzleteil seiner „Bucket List“ einsetzt? Badrutt´s Palace in St. Moritz ist eine lebende Legende, die Generationen von Reisende verzaubert hat und doch zeitlos über dem grünlich schimmernden See thront.

Majestätisch, ja über den Dingen schwebend gibt der Balkon im obersten 7. Stockwerk einen unvergleichlichen Blick in die Engadiner Bergwelt frei und ich schaue den Ruderern und Stand-Up-Paddlern beim Frühsport zu, während mein Abenteuer noch auf mich wartet.

Es ist 7 Uhr in der Früh und die Hotelflure, die beeindruckende Grand Hall und der Wellnessbereich, der 8. Stockwerke unter der Erde in einer natürlichen Grotte liegt, gehören mir allein, fast so, als würde mir Badrutt´s Palace eine ganz persönliche Führung geben wollen.

Ich kann sie fast sehen, die Familien, Paare, Schriftsteller und Künstler, die seit 1896 dem Wintersportort St. Moritz ihren Besuch abstatten und unter den mächtigen Kronleuchtern im „Le Restaurant“ frische Waffeln, Omelette und Croissants genießen. Das Frühstück jedenfalls glänzt mit Vielfalt, aufmerksamen Service und einer Lockerheit, wie man sie dem monumentalen Palast vielleicht nicht zugetraut hätte.

Ich fühle mich sofort wohl und beginne mein heutiges Programm an der Standseilbahn zum Muottas Muragl, die mich in 10 Minuten auf den 2.454 Meter hohen Berg gleichen Namens bringt, von der sich ein herrlicher Panoramaweg zum Bergsee Lej Muragl windet. Vorbei an pfeifenden Murmeltieren lassen sich die 300 Höhenmeter bequem in 50 Minuten bewältigen und entlohnen mit einem herrlichen Panorama in Form von schroffen Felsen, die sich im kleinen Bergsee spiegeln.

Danach geht es zunächst bergauf und Kehre um Kehre bewegt man sich über einen steinernen Kamm hinauf auf den Schafberg zur berühmten Segantinihütte, die nach dem Gebirgslandschafts-Maler Giovanni Segantini benannt wurde, der hier im Jahr 1899 verstarb. Der Ort ist so etwas wie eine Freilichtbühne mit Blick auf das Dreigestirn des Piz Palü.

Während Giovanni Ende des 19. Jahrhunderts sicher sofort seinen Pinsel geschwungen hätte, greife ich zum Smartphone, doch kann nicht annähernd so schön wie Segantini dieses verschneite Gesamtkunstwerk Engadiner Gebirgskulisse einfangen. Eine Ovomaltine später steige ich bereits die Kehren hinab zur Sesselbahn an der Alp Languard und lasse mich ins Tal gleiten.

Zurück im Palace glitzert der beheizte Outdoor-Pool wie ein Smaragd in der Sonne und ich starte mein Erholungsprogramm mit der längst verdienten Wellnesseinheit aus Sauna, Mist Room und dem Salt- und Aroma Steam.

Die Seele baumelt bereits ganz ordentlich, der Körper ist auf dem Weg der Besserung, fehlt nur noch mein Freund der Gaumen und um den kümmert sich zunächst Sommelier Daniel Kis, der mich in seinem Weinkeller begrüßt. Eine Wendeltreppe rotiert mich mehrere Stockwerke in die Tiefe, bevor ich in das, nur mit Kerzenlicht beleuchtete, Labyrinth aus Wein- und Champagnerflaschen eintauche. Sogleich habe ich ein Glas Pinot Noir aus der Alten Welt in der Hand, um nur Minuten später zum Vergleich eines aus der Neuen Welt probieren zu dürfen. Nur obacht, dass ich jetzt nicht eine der sorgfältig aufgestellten Boden-Fackeln umschieße, denn der Tropfen steigt zu Kopf und in der Grand Hall wartet bereits Resident Manager Josef Vielhuber, um mich durch das historische Anwesen zu führen.

Wir starten mit den Suiten der Belle Etage, die sich fast komplett auf dem 2. Stockwerk befinden. „Die Nachfrage nach Suiten ist immens“ bestätigt er. „Gerade die Stammgäste reservieren gerne schon für die kommende Saison und finden ihre Räumlichkeiten exakt so vor, wie sie sie verlassen haben“. Um das zu gewährleisten, werden nach jedem Besuch Fotos vom Interieur gemacht, um die Geschichte dort fortzuführen, wo sie beim letzten Besuch geendet hat. Das Ganze hat natürlich seinen Preis und so ist beispielsweise die 3-stöckige Turmsuite nicht unter 27.000 Franken/Nacht zu haben. Dafür erfreut man sich an feinsten Materialien wie Marmor, Holz und Naturstein aus dem Bernina-Massiv und spürt den immerwährenden Atem der Geschichte, wie zum Beispiel in der Alfred Hitchcock Suite, in der der Altmeister das Drehbuch zu seinem Film „Die Vögel“ schrieb. Wir nehmen den Lift und betreten das Wohnzimmer von St. Moritz, wie die Grand Hall auch genannt wird.

In dieser eindrucksvollen Lobby hat im Winter jeder Stammgast seinen festen Tisch und genießt bei Drinks und aktivierenden Gesprächen das rege Treiben der Schneeflocken vor den großen Panoramafenstern. Ein Hallenmeister sorgt für die Einhaltung der Platzordnung und hat einen wachsamen Blick auf die vielen Kunstwerke und Skulpturen, zu denen auch der sagenumwobene Zwilling der Sixtinischen Madonna von Raffael gehört. Johannes Badrutt hatte das Bild um 1883 in der italienischen Stadt Reggio in einem Stall einer entfernten Verwandten entdeckt und war sich sofort sicher auf ein Original des italienischen Malers gestoßen zu sein.

Bis heute ist die Echtheit ungeklärt und bis heute hat sich noch kein Experte an eine finale Analyse herangetraut, vielleicht auch, um eine angebliche Fälschung des vermeintlichen Originals aus Dresden nicht zu enttarnen. Eines steht aber fest: Auch wenn der ganze Palast abbrennen sollte, ist das Bild durch ein Rollo, was sich sofort über das Kunstwerk schieben würde, vor allen Bränden und Naturkatastrophen geschützt. Wir betreten das Theater, indem alljährlich die berühmte Silvestergala stattfindet. „Jedes Jahr stehen die Feierlichkeiten unter einem anderen Motto. Dann wird für diese eine Nacht das ganze Hotel dekoriert und in eine Märchenwelt verwandelt“ berichtet Josef Vielhuber stolz. „Da kann die Dekoration gut und gerne schon mal 500.000 Franken kosten“. Eine halbe Million für eine Nacht? Ich rechne mal kurz durch, doch Josef Vielhuber bringt mich schon zu einem nächsten Schmuckstück, welches in der ehemals ersten Tennishalle Europas untergebracht ist.

Heute werden die Rackets nur noch draußen geschwungen, denn mit dem La Coupole residiert hier der Hotspot unter den Restaurants in St. Moritz und ermöglicht den Gästen einen uneingeschränkten Blick durch das gläserne Kuppeldach auf den Palastturm samt Schneegestöber. „Lust auf eine Spritztour mit dem Rolls Royce“ reißt mich Josef Vielhuber aus meinen Gedanken. „Die gehörten einst zur Flotte der Queen und stehen all unseren Gästen als Transport- oder auch Spaß-Vehikel zur Verfügung“. Ich kann es kaum glauben und bin einfach nur tief beeindruckt von den vielen Geschichten, Anekdoten und Besonderheiten dieses familiengeführten Traditionshotels. Generationen kommen und gehen, doch Badrutt´s Palace schafft ein Stück Ewigkeit im Jetzt und ich zähle die Sterne über dem St. Moritzer See, als im Restaurant ein arabisches Menü von Starkoch Bahzad Mohammed Barafi serviert wird. Zwei Tage wie aus dem Märchenbuch enden und ich kröne sie mit einem Ausflug zur Diavolezza, von der man den wohl schönsten Ausblick auf den Piz Palü und den 4.049 Meter hohen Piz Bernina genießt.

Von der Sonnenterasse führen mehrere Wege auf ein paar umliegende Aussichtsberge, doch ich entscheide mich fälschlicherweise für den Klettersteig zum Piz Trovat, wo ich nach einigen hundert Metern im Geröll feststellen muss, dass mein Schwindelgefühl nicht für diesen Pfad geeignet ist. Etwas frustriert breche ich ab und bin am Ende wohl doch wieder bei Alfred Hitchcock, der vielleicht die Inspiration für seinen Film Vertigo auf diesem Klettersteig gefunden hat. Zurück zur alles entscheidenden Frage: Ist man glücklich oder traurig, wenn ein Teil der persönlichen Bucket List verschwindet? Die Antwort ist ganz einfach: Man packt es einfach wieder drauf, schließlich kam Hitchcock ganze 34 Mal zurück in seinen heiß geliebten Badrutt´s Palace.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Badrutt´s Palace sowie der perfekten Organisation von Claudia Jann und Nicole Maier.

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