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web summit 2017, Lissabon

Kopfschüttelnd blicke ich in die App des diesjährigen web summit und staune über meine eigene Fehlplanung, die für einen überzeugten Reiseprofi meines Schlages, einer echten Demütigung gleichkommt. Einen ganzen Tag zu früh angereist, alle relevanten Vorträge nicht Morgen, sondern erst in 36 Stunden und die heiß begehrte Einlass-Badge baumelt, ohne eine einzige Warteminute, auch schon um den Hals.

Doch Lissabon hat ein Einsehen und schenkt mir mitten im November einen Tag wie aus dem Bilderbuch. Bei spätsommerlichen 20 Grad Celsius lasse ich mich durch das „auf und ab“ der Kopfsteinpflaster im Bairro Alto treiben und entdecke auf Anhieb viele nette Cafés und Restaurants. Doch als waschechter Messebesucher bin ich natürlich nur an Läden mit entsprechender Warteschlange interessiert. Gedacht, gefunden. Männer und auch Frauen, die auf kleine Vanilletörtchen starren, dazu Espresso trinken und den Mitarbeitern einer kleinen Konditorei beim Kneten, Formen und Backen zuschauen.

Das Café Manteigaria ist eine Institution, denn nirgendwo gibt es bessere „pastéis de nata“, die man am besten frisch und warm direkt aus dem Ofen genießt. Genug der Stärkung und weiter zu einem der prunkvollsten und schönsten Plätze der Stadt, dem Praca de Comercio, welcher von einem gewaltigen Triumphbogen sowie diversen Palästen eingerahmt wird.

Die Menschen sitzen in Cafés, schießen fleißig Selfies und sonnen sich am Ufer des Tejo, als versuchten sie die Zeit anzuhalten. Ein alter Ledersessel versinkt allmählich im Sand und wird hin und wieder von einer Welle erfasst, so als wäre er ein Sinnbild für die Renaissance eines längst vergangenen Sommertages. Die Schienen der allgegenwärtigen Straßenbahnen führen mich tiefer in das Labyrinth der Alfama, dem ältesten Stadtteil Lissabons, dessen Entwicklung und Bedeutung fast an den Aufstieg vom Prenzlberg im heimischen Berlin erinnert.

Mittlerweile sind die alten Häuser restauriert, das römische Amphitheater in ein verglastes Live-Museum verwandelt und Burg und Sé Kathedrale perfekt herausgeputzt. Allein hier lassen sich wahrscheinlich Tage verbringen, doch der heutige Sundowner hat mit dem Noobai, einen würdigen Absacker verdient.

Bei Pisco Sour und Sangria blickt man auf die goldenen Wogen des Tejo und ist beeindruckt von der Hafenkulisse und der, über 3 Kilometer langen, Hängebrücke Ponte 25 de Abril, die zu den Größten ihrer Zunft zählt und aus Lissabon ein kleines San Francisco zaubert.

Ein neuer sonniger Tag beginnt und die Eröffnungsparty zum web summit will noch um weitere 8 Stunden vertröstet werden, so dass ein Ausflug nach Belèm gerade noch ins Programm passt. Mit dem 728er Bus gelangt man von der Altstadt in nur 10 Minuten in den westlichen Stadtteil, der für drei absolute „must-see“ Attraktionen steht. Der Fahrpreis beträgt heute saftige 0 Euro, da dem Fahrer das Abkassieren einfach viel zu lästig ist und so werde ich in alter Schwarzfahrermanier direkt vor dem imposanten Mosteiro dos Jerónimos abgeliefert.

Das im Jahr 1601 fertiggestellte Kloster beherbergt heute ein Marine- und Archäologiemuseum, was mich jedoch eher zum Wechseln der Location veranlasst und direkt zum berühmten Seefahrerdenkmal Padrão dos Descobrimentos bringt. Das Monument von 1960 glänzt so makellos in der Sonne, als wäre es gestern erst errichtet wurden. Findige Straßenverkäufer reichen Sonnenbrillen und Selfie-Sticks, die es jedoch keinen Deut einfacher machen, diese gewaltige Schlachtplatte in einen Handy-Screen zu pressen.

Ein paar Meter westlich steht dann noch der Zuckerbäckerturm Torre de Belèm, der in Lissabon jede zweite Postkarte ziert und durch seine isolierte Lage im Tejo eine echte Attraktion ist. Außer knipsen nichts gewesen, so dass sich mit dem À Margem direkt eines der zahlreichen schicken Restaurants für eine wohlverdiente Mittagspause anbietet. Der Salat ist so lala und eigentlich nur mit der Kombination eines Vanilletörtchens im schon liebgewonnenen Manteigaria zu genießen.

Endlich ist es soweit, „get the party started“ in der frisch umgetauften Altice Arena, wo nur etwa 10.000 Glückliche ein Ticket zur Opening Night ergattert haben.

Doch Glück ist heute leider relativ, so dass nach zähen 105 Warteminuten doch recht oberflächliche Eröffnungsreden folgen. Nach dem offiziellen Go von Premierminister António Costa nutze ich den Aufruf und gehe direkt mal wieder zurück ins Zentrum, um am abendlichen Pub Summit zu glänzen, was gefühlt auf 90 % aller Besucher heute zutrifft.

Eine wunderbare Location für den Abend ist der Clube do Bacalhau, der all seine Gerichte networking-gerecht zum Teilen anbietet und wirklich ausgezeichnete Rinderfiletstreifen in Senfsauce serviert. Direkt ein weiterer Tipp für Lissabon-Besucher sind die Alma Apartments mitten in der Altstadt, wo man auf 80 Quadratmetern im stilvollen Ambiente residiert oder zum Grillfest auf der eigenen Terrasse lädt. Einzige Voraussetzung: Man hat sich für die Wohnung auf Etage 1 entschieden. Einziger Nachteil: Die mittelalterliche Tram fährt mitten durchs Schlafzimmer.

Zeit für einen koffeinhaltigen Kickstarter und der ist auf dem web summit for free, was auf die besten Waffeln in der Geschichte des organisierten Fachmessebesuchs leider nicht zutrifft.

Dennoch ist der viereckige Teigfladen mit Vanillefüllung und Schlagsahne ein echtes Highlight, was man von den meisten Vorträgen leider nicht behaupten kann. Alle Referenten und Talks sind auf 20 Minuten runtergeschrumpelt und bieten wenig Raum für tiefergehende Erkenntnisse. Also kratzen wir eher an der Oberfläche und freuen uns auf „fliegende Autos“, kreativeres Storytelling, ein web Plug-in für den Facebook Messenger und jede Menge VR- und AR-Content aus dem Hause Google.

Viel lustiger ist es aber den ganzen Start-ups beim präsentieren ihrer Business-Ideas zuzuschauen, die auf drei Bühnen samt „Höhle der Löwen Jury“ rund um die Uhr stattfinden. Eine Dating-App für Flugreisende ohne Tabus (Airdates) oder eine Matchingplattform für WG-Opfer (Whoomies) sind nur zwei Beispiele aus der lustigen Exotenkiste.

Man ist viel unterwegs zwischen den diversen Konferenzen, Bühnen und Messeständen und eröffnet zwischendurch mal eben die NASDAQ auf dem Times Square oder flutscht aufs neue followmeto-Motiv der beiden Instagram Stars Murad & Nataly Osman. Bei dem simultanen Überangebot an Content bin ich am Ende mit 9 Vorträgen einer der High-Performer des Tages und habe mir den Sunset Summit im angrenzenden Pavilhao De Portugal mehr als verdient. Stellt sich eigentlich nur noch die abschließende Frage: Lohnt sich der Abstecher zum web summit überhaupt? Wenn man auf Impulse von den „Großen“ setzt, sicher nicht. Wenn man aber auf Entdeckungsreise nach den Shootingstars von Morgen ist, vielleicht schon. Und außerdem ist Lissabon an sich schon jeden Reisekilometer wert. Also raus aus euren angestaubten Marketingbüros und rein ins Getümmel der über 60.000 Digital-Fanatiker. Wird sicher „awesome“!

Wer jetzt etwas mehr in die Tiefe gehen will, dem empfehle ich meinen Fachartikel in der Lead Digital.

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