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Schloss Mittersill, Hohe Tauern

Die Karte liegt bedeutungsvoll in meinen Händen, die handgeschriebenen Worte klingen wie die Ereigniskarte aus einem Escape Room: „Einen schönen Aufenthalt wünschen Stephanie und die Schlossgeister“. Spätestens jetzt weiß ich, dass Schloss Mittersill, welches souverän über der gleichnamigen Stadt am Rande des Nationalparks Hohe Tauern thront, kein normales Luxushotel ist, sondern Jahrhunderte alte Geschichte ein- und ausatmet.

Die Aufzeichnungen gehen bis ins Jahr 1150 zurück und wenn es einen Hexenkeller und ein Gefängnis gibt, ja dann gibt es sicherlich auch ein ordentliches Schlossgespenst. Wie zur Bestätigung, haut in der historischen Lobby ein unsichtbarer Piano-Mann gehörig in die Tasten. Mal sehen, welche Geister sich sonst noch so versteckt halten. Vielleicht ja der von Coco Chanel, denn schließlich hat die Pariser Mode-Designerin viele Tage hier im Schloss verlebt und ihre Suite mit Blick auf den mittelalterlichen Innenhof und die umgebenden Berge mehr als genossen.

Auch wenn wir uns um ein paar Tage verpasst haben, kann man sich Coco in dieser großzügigen, hellen Suite sehr gut vorstellen und vielleicht hängt am nächsten Morgen ja ein maßgeschneidertes Jäckchen in meinem Kleiderschrank. Doch Coco ist nicht die einzige Berühmtheit, die einer Suite hier ihren Namen gab. Henry Ford, Königin Juliana, Clark Gable oder auch Bob Hope schätzten die atemberaubende Lage und hinterließen ihre Spuren. Bei der privaten Schlossführung erklärt mir Nadine, dass jedes der 53 Zimmer genauso individuell ist, wie die berühmten Gäste. Und während der historische Schlosskern durch Prunk und massives Mauerwerk besticht, glänzt der moderne Anbau mit Eleganz im Wellness- und Relaxbereich. Kein Wunder, dass hier nicht nur viele Hochzeiten stattfinden, sondern auch der FC Schalke 04 zum Sommertrainingslager bläst. Dann ist Schloss Mittersill komplett in blauweißer Hand und für den Publikumsverkehr gesperrt.

Nadine zeigt mir die hauseigene Kapelle und den berühmten Hexenkeller, für den wir einige schummrig beleuchtete Treppenstufen in die Tiefe absteigen. „Hier hingen früher die Hexen von der Decke und taumelten über dem Boden, denn solange sie diesen nicht berührten, ging von ihnen keine Gefahr mehr aus“ erklärt Nadine „Heute wird dieser unheimliche Ort für Pokerturniere oder Heiratsanträge genutzt“. Da will ich mal lieber nichts hineininterpretieren, sondern widme mich ganz den kulinarischen Geistern von Schloss Mittersill. Und die scheinen die Jahrhunderte nicht nur gut überstanden, sondern auch jede Menge Kochkunst dazugelernt zu haben. Das Vier-Gänge-Menü auf der Panoramaterrasse ist jedenfalls ein absolutes Highlight, da auf diesem Teil der historischen Schlossmauer nur vier Tische platziert wurden, die alle einen uneingeschränkten Blick in die Tiroler Bergwelt bieten.

Das Beste aus dem Pinzgau landet direkt auf meinem Teller und insbesondere die Cremesuppe von der Roten Rübe und die Maishendlbrust haben es mir angetan.

Die Nacht bleibt erstaunlich frei von guten und bösen Geistern und so treibt mir die Sonne bereits um kurz vor 7 den letzten Schlaf aus den Augenwinkeln. Zeit für eine kleine Wanderung, zumindest was die Planung anbelangt. Am Ende sollte es ein 16 Kilometer langer Monster-Marsch werden, der sich über 6 Stunden durch eine spektakuläre Landschaft aus Wasser, Fels und Eis bewegt. Am Parkplatz Enzingerboden im Stubachtal, der etwa 25 Kilometer südöstlich vom Schloss liegt, geht die zweistufige Seilbahn hinauf zur 2.315 Meter hoch gelegenen Rudolfshütte. Obwohl der hausgemachte Apfelstrudel durchaus zu empfehlen ist, ist der eigentliche Star hier oben, der von Granatspitze und Tauernkogel eingerahmte Weißsee.

Eine Staumauer sorgt dafür, dass von dem milchig-grünen Gletscherwasser auch ja nichts abläuft und zusätzlich wird sogar noch etwas Energie gewonnen. Über den Gletscherweg Sonnenblickkees geht es dann direkt an den Rand des Gletschers, der hier in einen See mündet, auf dem selbst im Hochsommer noch kleine Eisberge um die Wette segeln.

Was für ein spektakulärer Anblick, der mich ein wenig an den berühmten Gletschersee Jökulsarlon in Island erinnert. Doch natürlich kann man hier nicht per Schlauchboot den mächtigen Eisriesen zu Leibe rücken, dafür aber etwas abseits des Weges bis zur Gletscherabbruchkante wandern.

Sofern man bereit ist, mit ein paar nassen Schuhen den Rückweg anzutreten. Und der ist, laut Karte, tiefschwarz und schimpft sich eher harmlos als Hans-Gruber-Weg, hält vier Trittleitern bereit und verläuft am Ende etwas nah am felsigen Abgrund. Doch die Drahtseilsicherung ist mehr als ausreichend und lässt selbst so einen alten Vertigo-Patienten wie mich, mühelos passieren. Für den Rückweg zum Enzingerboden entscheide ich mich für die 3-Seen-Wanderung, die sich gemächlich über einen Kamm namens Niedere Scharte zieht und wundervolle Ausblicke auf den Tauernmoossee ermöglicht. Auf dem ganzen Weg kommt mir trotz der landschaftlichen Schönheit kein weiterer Wanderer entgegen, ziehe ich die erschrocken dreinblickende Kuh-Herde einmal ab.

Nach knapp sechs Stunden bin ich ziemlich platt, auch wenn die meisten Höhenmeter heute in den Abstieg geflossen sind. „Time to hit the pool“ denke ich mir und geselle mich zu den anderen Wellnesshungrigen auf die großzügige Liegewiese am Schlosshang.

Den Gespenstern scheint derlei Harmonie und Sonnenhunger recht verdächtig, organisieren sie doch zugleich ein Gewitter der Extrastärke, so dass ich mich eher in der Edgar Allen Poe als in der Coco Chanel Suite vermute. Die Blitze zucken wie wild um Schloss Mittersill und zerstören gar das Kassensystem im Gastrobereich jüngst in dem Moment, als Robert Lewandowski in der Sportschau zum 2:0 in Bremen einlocht. Die Mattscheibe ist schwarz wie die Nacht und ich muss schon schwer grinsen. Stephanie und die Schlossgeister haben Wort gehalten und mir einen unvergesslichen Aufenthalt beschert.

Epilog: Wie könnte ich Mittersill verlassen, ohne Europas höchsten Wasserfällen einen Besuch abzustatten.

Gestärkt durch die vielleicht beste Waffel der Welt, die dünn wie ein Fliegengitter mit karamellisiertem Ahornsirup im Schloss serviert wird, eile ich nach Krimml, wo sie den Fällen ein eigenes Besucherzentrum erbaut haben. Der Schock sitzt tief, denn außer mir treten im Jahr gut 400.000 Besucher den Aufstieg zu den 385 Meter hohen Krimmler Wasserfällen an, die über drei Fallstufen ins Tal rauschen.

Heute ist der kleine Touristenpfad komplett in arabischer Hand und ein hochkommen über diese Route nur schwer im Normaltempo zu bewältigen. Gut, dass es da den Alten Tauernweg gibt, der bereits 2.000 v. Chr. von den alten Kelten als Handelsweg genutzt wurde. Der Pfad ist mittlerweile nicht mal mehr ausgeschildert, da die Massen über den neuen Weg nach oben geleitet werden. Wer es also ruhiger, etwas länger, dafür aber auch ziemlich aussichtslos mag, der sollte sich für diese Route entscheiden. 90 Minuten später bin ich schweißdurchnässt und frei von Fotos am Kopf des oberen Krimml Falls und begebe mich dann doch zähneknirschend auf den Touristenpfad, der hier oben allerdings deutlich ausgedünnt ist.

Die 90-minütige Reise ist halt nur etwas für Feinschmecker, auch wenn die Aussichtsplattformen auf die krachenden Wasserfälle ziemlich spektakulär sind.

Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung des Hotels Schloss Mittersill.

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