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SXSW 2017 in Austin, Teil 2

„It‘ s a mind fuck“ so das kraftvolle Zitat von SAW-Regisseur Darren Lynn Bousman. Und obwohl er das nur auf sein immersives Film-und Theaterprojekt „The Tension Experience“ bezieht, passt es überragend auf die ganze SXSW in Austin, Texas.

Man glaubt am Ende tatsächlich etwas von der digitalen Zukunft gesehen zu haben, die einen mehr, die anderen weniger. Dabei sind viele Säue bereits durchs Dorf getrieben und in Blogs verewigt oder längst im Markt erhältlich, wie beispielsweise die Sprachassistentin Alexa, die hier als erster großer Fortschritt für künstliche Intelligenz gefeiert wird. Auch Chat-Bots sind schon fleißig im Einsatz, so dass erste Plattformen wie Chatfuel auch Nicht-Programmierern die Umsetzung eines Messenger-Bots in 7 Minuten versprechen. Und natürlich dominiert die Spielwiese VR in all ihren Facetten.

Jeder dritte Vortrag widmet sich der neuen virtuellen Erlebniswelt. Kaum eine Location ohne abgedunkelte „Schmuddelecke“ für Brillenfetischisten. Der Schritt zum Vorjahr ist immens, auch wenn Auflösung und Contentqualität noch etwas hinterherhinken.

Mein Highlight war jedenfalls die „Mummy VR Experience“ wo uns ein immer jünger aussehender Tom Cruise für 9 Minuten ans Set der „Mumie“ mitnimmt. Dabei sitzt man in raumkapselartigen Sesseln mit VR-Brille und Kopfhörer und wird in die Flugzeugabsturz-Szene des Trailers katapultiert.

Und erstmals ist das 360-Grad-Erlebnis vollkommen, auch wenn es hin und wieder das ein oder andere Gesicht optisch zerschießt.  Zudem rüttelt die Sensorik der Sessel ordentlich durch und schafft ein wirklich einzigartiges Erlebnis. So kann das Kino der Zukunft aussehen.

Entscheidend für einen durchschlagenden Erfolg, wird die Produktion eigener Content-Happen sein. Einen ersten erschwinglichen Ansatz liefert die Virtual Reality Camera von Vuze, die Hammer-Videos für schlappe 800 $ produziert. Einen Blick in eine nicht zu ferne Zukunft diskutierte der amerikanische Zukunfts-Autor Robert Scoble in seinem Panel. Er prophezeit, dass bei künftigen Verbrechen, die Jury direkt mittels VR-Brille in den Tatort eingebunden wird. In Hotels wird es keine Rezeption mehr geben, da der Gast beim Betreten der Lobby anhand seiner biometrischen Daten erkannt und direkt mittels virtueller Linie, in sein Zimmer geleitet wird. Spannend auch die Idee, dass wir zukünftig mittels VR in die Vergangenheit reisen können. Nicht nur ins inszenierte Mittelalter, sondern auch an Orte, an denen wir einst ein 360-Grad-Video gedreht haben.

Doch widmen wir uns den Stars, die in diesem Jahr nicht so reichlich gesät waren. Höhepunkt für mich vielleicht der Auftritt von Star-Designer Marc Jacobs, der auf seinem selbstgepflegten Instagram-Account direkt auf User-Comments eingeht. Obwohl er noch nie etwas online gekauft hat, beschreibt er sich selbst als Instagram-süchtig und lässt sich von Fotos auf dem sozialen Netzwerk für seine Kollektionen inspirieren. Deutlich erholt präsentiert sich eine propere Kesha, die ihre Essstörungen überwunden hat und nun wieder musikalisch Gas gibt.

Sie erzählt von den Schattenseiten des Social Webs und verzichtet fortan auf das Durchlesen sämtlicher Kommentare. Sie ermahnt die Zuschauer, mehr auf ihre Freunde zu achten. Die „Sonnenschein-Fotos“ auf Facebook & Co. zeigen meist nicht die wirkliche Welt. „Hängt nicht so sehr an einem Moment fest, denn er ist nur temporär und geht so schnell vorbei“. Wie wahr! Nach vorne sollen wir schauen und so begeben wir uns mal nach draußen in die träge vorwärtstreibende Warteschlange vor dem German Haus, dem Treffpunkt der deutschen Gemeinde hier auf der SXSW. Es dauert, trotz Bändchen eine geschlagene halbe Stunde, nur um im Inneren des Barracuda-Clubs festzustellen, dass eigentlich gar nichts los ist. Aber eine Location ohne Warteschlange ist in Austin wohl nicht vermittelbar. Und so zeigen sich viele Gäste bitter enttäuscht über den Location-Wechsel. An Meetings ist in dem dunklen Ambiente nicht zu denken, der Außenbereich, in den kalten Anfangstagen, kaum ohne Erfrierungen zu durchstehen. Mein Appell an das verantwortliche Team: Bitte geht zurück in die Lucille Patio Lounge in der Rainey Street. Zeit für ein ordentliches Barbecue. Und wer den Jubel und Trubel der Innenstadt für ein paar Stunden hinter sich lassen will, dem sei das Micklethwait empfohlen.

Auf einem stillgelegten Rasenplatz steht ein abgewrackter Wohnwagen, samt Anhänger mit Smoker und kredenzt die besten Spareribs der Stadt. Noch besser ist nur das Beef Brisket, eine im heißen Rauch gegarte Rinderbrust. Das Fleisch ist so zart, da kommen mir die Tränen. Doch es gibt keinen Grund zum Weinen, denn der letzte Tag von Interactive ist immer auch der erste Tag von Music und so brummen heute die Bässe nur so durch die Stadt und die berühmte 6th Street platzt vor ausgeflippten Typen und krachenden Rockkonzerten.

Überall strömt Live-Music durch Fenster und Türen und erzeugt den liebgewonnen Straßenkarneval made in Texas.

Eine versöhnlich stimmende Frühsommernacht, macht den Abschied diesmal doppelt schwer, doch am Ende heißt es wie jedes Jahr: „Spring Break is over“.  Die Plakate und Pop-Up Stores werden wieder eingepackt und die letzten tapferen Marketeer steigen in ihre Flieger Richtung Heimat. Motiviert bis unter die Haarspitzen, inspiriert durch die neuesten Gadgets und Trends. Wenn jetzt bloß der Alltag nicht dazwischenfunkt.

Den 1 Teil von der SXSW 2017 gibt es hier.

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