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Heimat. Deutschland – Deine Gesichter

Das ich mal einen Bericht über meine Heimatstadt schreiben werde, wäre vor einer Woche vielleicht noch undenkbar gewesen. Heimat sind für mich Erinnerungen, die nahezu an jeder Straßenecke kleben. Manche angenehm wie ein warmer Sonnenstrahl, andere erfüllen mich doch eher mit Unbehagen und einem Gefühl innerer Zerrissenheit. Mönchengladbach erscheint mir oft wie eine ferne Welt, eine Matrix, die ich im Laufe der Jahre abgestreift habe. Dennoch kehre ich immer wieder zurück, wie auch heute. Und interessanterweise an einen Ort, den ich nie zuvor aufgesucht habe, von dem ich nicht mal wusste, dass er existiert, obwohl er lediglich 1 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt liegt.

Ich befinde mich im St. Kamillus Kolumbarium, einer entweihten Kirche, die heute als Grabesstätte für Verstorbene dient. Starfotograf Carsten Sander hat sich diesen Ort für die Interpretation seiner Vision von Heimat ausgesucht.

St.Kamillus_Kolumbarium_Moenchengladbach_turnagain

Die Ausstellung: „Heimat. Deutschland – Deine Gesichter“ zeigt nicht weniger als 1.000 Portraits von Menschen, von Deutschen, die ein aktuelles Abbild unserer Gesellschaft repräsentieren. Männer, Frauen, Junge, Alte, Arme, ja und Reiche. Promis eben, die sich wie ganz normale Menschen per Zufallsprinzip unter dieses Gesamtkunstwerk aus 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche gemischt haben. Ich kenne Carsten seit über 7 Jahren und begleite dieses Projekt seit seiner Entstehung, ja bin selbst teil „der Gesellschaft“. Es ist beeindruckend, zum ersten Mal das wahre Ausmaß der übereinander geschachtelten Portraits an einer einzigen Kirchenwand zu bestaunen. Die Lebenden und die Toten vereint in einem Raum, in meiner Heimat. Manchmal nur getrennt durch einen zeitlichen Wimpernschlag, wie mir das Portrait von Hans-Dietrich Genscher spürbar entgegenhaucht. Der Aufbau wird für einen Moment unterbrochen, ein Arbeiter geht und Carsten und ich sitzen alleine auf einer ehemaligen Kirchenbank. Ein sehr intimer Moment für ein Gespräch über Heimat, Tod und dem zwiespältigen Problem des Erwachsenwerdens.

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André: Was ist für dich selbst Heimat?

Carsten: Heimat ist für mich kein konkreter Ort, sondern vielmehr ein Gefühl. Wichtiger sind mir die Menschen, meine Freunde. Ich möchte die Möglichkeit haben, die Sachen zu machen, die mir Spaß machen und das mit Menschen die ich mag und denen ich vertraue. Egal wo.

André: Momentan wird in Deutschland viel über das Thema Integration und Multi-Kulti Gesellschaft diskutiert. Inwiefern ist deine Ausstellung ein Beitrag zur Diskussion. Beziehungsweise, inwieweit ist sie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft?

Carsten: Das Spiegelbild ist nicht zu übersehen. 90 ethnische Gruppen finden sich in den Einzelportraits wieder. Und das Interessante daran ist, dass sich das Deutschlandgesicht längst verändert hat. Man bekommt es jedoch kaum mit. Was positiv ist, weil wir es mit einer Form von  Selbstverständlichkeit betrachten. Zwischen 1989 und 1993 sind 3 Millionen Menschen zu uns gekommen. Man fragt sich manchmal, wo die eigentlich geblieben sind. Mittlerweile ist eine Traditionsvielfalt entstanden, die ein Geschenk für unsere Gesellschaft ist. Wenn wir damit gut umgehen, können wir intellektuell nur profitieren. Bestes Beispiel sind die USA.

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André: Woher nimmst du die Energie für deine Projekte? Auch wenn etwas mal nicht so klappt, geht es gefühlt immer weiter.  Also, woher die Kraft?

Carsten: Die Energie kommt durch Leidenschaft. Tief im Inneren bin ich ein Kind geblieben. Vielleicht ein weises Kind. Ich glaube, wenn du erwachsen wirst, hast du verloren. An Energie, aber manchmal auch an Ideen. Dabei handelt es sich durchaus um eine bewusste Entscheidung, denn ich verzichte nahezu auf Privatleben, bin viel unterwegs und realisiere meine Visionen. Das muss man wollen, denn es gibt nicht nur schöne Momente. Manchmal fühlt man sich auch ganz schön einsam, denn es gibt keine Familie, die zu Hause auf dich wartet.

André: Du bewegst dich nicht nur beruflich sehr viel in Promi-Kreisen? Alle nen Schuss weg oder ganz normale Menschen?

Carsten: Wenn, dann haben sie einen sympathischen Schuss weg. Manchmal vielleicht eine Spur zu viel der Selbstdarstellung, aber ich habe da sicher auch eine andere Toleranzgrenze. Die meisten Promis haben jedoch keine spürbaren Konventionen und das mag ich. Das führt oft zu neuen Ideen. Sowas geht nicht, wenn du einen 9-to-5-Job machst. Da macht dein Geist in der Regel keine großen Sprünge und das kann man auch nicht erwarten. „Normale Menschen“ haben eher weniger Mut zu Veränderungen und sind zugedröhnt und abgelenkt durch die Medien. Brot und Spiele fürs Volk, damit möglichst wenig Kritik kommt.

André: Die Ausstellung findet in einer Grabeskirche statt. Ein bewusst gewählter Ort?

Carsten: Ich finde schon. Der Tod wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. Man spricht einfach nicht darüber, der Tod ist negativ besetzt und folglich blendet man ihn aus. Da ist im Laufe der Zeit etwas verloren gegangen, denn in der Malerei standen Totenköpfe früher für die Vergänglichkeit und waren Bestandteil des Lebens. Wenn wir uns mit dem Tod stärker auseinandersetzen, dann würden wir auch intensiver leben. Ich habe einige Portraits in einem Altenheim geschossen und mit den Leuten gesprochen. Sie waren alle so positiv und noch voller Lebensenergie. Das hat mich überrascht und ich habe eine alte Dame nach dem Grund gefragt, denn schließlich ist sie jeden Tag vom Tod und Sterben umgeben. Und sie hat gesagt: Genau darum. Ich lebe noch und die anderen nicht mehr. Ich freue mich über jeden einzelnen Tag.

André: In einem Satz, warum sollte man nach Gladbach fahren und sich die Ausstellung ansehen?

Carsten: Weil sie magnetisch ist.

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Hier findet ihr übrigens mein Interview mit der Extrem-Sportlerin Gela Allmann.

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