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Denali Nationalpark, Alaska

In Alaska brauchst du entweder eine Engelsgeduld oder hellseherische Fähigkeiten. Da das aussitzen von schwangeren Tiefdruckgebieten überhaupt nicht mein Ding ist, setze ich auf die Magie meiner Wetter-App. Und die prophezeite mir für das Städtchen Seward in der Resurrection Bay strahlende 20 Grad und Sonnenschein.

Den nächsten 2 Tagen im Kenai Fjords Nationalpark stand hiermit nichts mehr im Wege. Eigentlich. Doch fangen wir vorne an. Das kleine Städtchen ist so etwas wie die touristische Version vom alten Auswanderer-Traum. Mit nur 3.000 Einwohnern ist der Trubel überschaubar. Man lebt vom Fischfang und von den paar verrückten Touristen und genießt tagtäglich die perfekte Kulisse aus schaukelnden Booten vor schneebedeckten Gipfeln.

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„Alaska Starts Here!“ Ist der Claim und das kann man dem Stadtmarketing-Trainee guten Gewissens abnehmen. Wenig Übernachtungsangebot schafft straffe Preise und so hat man für lausige 300 $ im Holiday Inn bereits das beste Zimmer der Stadt. Voller Tatendrang fragt man sich, was ab 15 Uhr Ankunftszeit denn noch so geht. Schließlich geht die Sonne erst gar nicht unter. Ich setze auf den Klassiker: Kayak! Das kann jeder, das ist einfach und macht jede Menge Spaß. Angemeldet habe ich mich bei Sunnycove und kann den Laden nur empfehlen. Der Weg zur Anlegestelle führt durch ein einsames Waldgebiet und endet an einer ebenso einsamen Hütte. Vor dieser wartet bereits ein bärtiger, gutgelaunter Typ, der uns mit der geballten Erfahrung von zwei Ausflügen in Empfang nimmt. Doch erstmal Luft aus meinen Segeln, denn vor dem Vergnügen gibt es jede Menge Trockenübungen am Kiesstrand. Danach endlich rein in die eiskalte Resurrection Bay und direkt zeige ich meinem deutlich zu entspannten Guide, wie der Deutsche mit Urkraft das Wasser teilt. Trotz mehrfacher Ermahnung, doch entspannter aufzutreten,  fuchtele ich weiter aufgeregt mit dem Paddel rum, ohne signifikant an Entfernung zurückzulegen. Im 2er-Kayak gibt es immer einen der paddelt (Ich) und einen der steuert (meine Frau). Dass das nicht immer in die gleiche Richtung gehen muss, ist unserem Guide sofort klar. Deshalb erreicht er auch ohne jeglichen Kraftaufwand unsere Anlegestelle, während wir sichtlich erschöpft kein Auge mehr für ein verlassenes Seeadler-Nest aufbringen.

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Wir sind gerade mal eine Stunde unterwegs, die sich anfühlt wie ein Tagesausflug. Von daher tut der kurze Hike durch moosbewachsene Wälder wirklich gut. Die Landschaft hier draußen ist traumhaft schön und die Rückfahrt verläuft dann auch deutlich entspannter.

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So trauen sich sogar Robben an unser Boot, die auf der Hinfahrt von meinem Paddel schier erschlagen worden wären. Für das Dinner empfehle ich euch den Lachs oder Heilbutt im Chinooks Grill. Garantiert beste Bude im Dorf.

Was musste ich mir nach dem gestrigen Tag nicht alles von den Einheimischen anhören: „Haha, das ist doch nicht Alaska mit der ganzen Sonne und dem T-Shirt und so. Das gibt es hier nur an 3 Tagen im Jahr. Geh doch nach Hawaii du Greenhorn“. Wollte ich alles nicht wahrhaben, doch am nächsten Morgen schlug Alaska mit seiner eiskalten Kralle zu. Nebel und Niesel in Seward. Was tust du?

Und jetzt kommt meine Zauber-App ins Spiel. Mit der Wahrscheinlichkeit von 60 %, prophezeite diese, ein Sonnenfenster im 600 Kilometer entfernten Denali Nationalpark. Also nichts wie Seward stornieren, Denali gegen horrende Gebühr vorziehen und ab auf den Highway.

Keine Sorge vor langen Autofahrten. Es fließt alles entspannt, hin und wieder kreuzt die Alaska Railroad den Teer und mit etwas Glück lässt sich im Dickicht ein Elch blicken.

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Die erste Chance auf den Berg der Berge (aus amerikanischer Sicht) ist der Denali Viewpoint South at Mile 135. Ihr merkt schon, ich habe mich informiert und tatsächlich den Meilenzähler eingeschaltet. Bei Meile 135 steige ich in die Eisen und blicke ehrfurchtsvoll nach links. Berge, manche auch weiß. Könnte jeder sein, im Nachhinein war es keiner davon. Nächste Chance: Viewpoint North at Mile 163. „Das muss er sein. Finde ich. Also wäre besser, für ihn und uns“. Und tatsächlich schält sich da ein Gigant aus den Wolken heraus.

Doch man ist noch lange nicht am Ziel. Es zieht sich gewaltig bis zu den Mc Kinley Creekside Cabins, unserer Unterkunft für die nächsten 2 Nächte.

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Doch zum Check In bleibt keine Zeit, denn das Wetter ist mittlerweile überragend und ich möchte „face to face“ mit dem Giganten sein. Denali Air verspricht genau das. Und wir haben Glück, um 19 Uhr ist noch ein Slot für den 70 minütigen Flug frei. Und das für saftige 400 $ pro Person. Dieser Schrecken löst erstmal eine wilde Diskussion aus, die schließlich in einem „man lebt nur einmal“, „scheiß auf die Kohle“ „hat noch immer gut gegangen“ endet.

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Unser Pilot hat alles, was du hier draußen brauchst. Graue Schläfen, Kriegserfahrung und mit „Bob“ den richtigen Vornamen. Bereits nach wenigen Flugminuten fesselt einen diese unglaubliche Bergwelt. Der Denali ist mit seinen 6.190 Metern der höchste Gipfel Nordamerikas und aufgrund seiner isolierten Lage, der Berg mit dem höchsten Relief der Erde. Der knallt mal so richtig raus. Und das spürt man.

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Angeblich gibt es im Jahr nur eine gute Handvoll Tage, wo du keinen Sturm oder dichte Wolkendecken hast. Heute ist ein Finger schon mal weg. Mich bringt selten etwas zum Heulen, aber diese Schönheit hat mich wirklich umgehauen und so sehr gefesselt, dass atmosphärische Unebenheiten beim Hinflug völlig spurlos an mir vorbeigeritten sind.

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Auf dem Rückweg wurde es dann allerdings deutlich ungemütlicher und Stille legt sich über Besatzung und Bob. An Fotos war nicht mehr zu denken, dass hätte auch kein Anti-Shaking-System ausgehalten. Letztlich taucht dann doch die schmale Schneise im dichten Tannenwald auf und die Maschine setzt sicher auf. Noch etwas wackelig auf den Beinen, schäme ich mich fast darüber, bei 400 $ gezuckt zu haben. Das war ein „Once in a Lifetime“ Erlebnis.

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Ganz anders dann Tag 2 mit der Busfahrt durch den Nationalpark. Da der Park für Privatfahrzeuge gesperrt ist, hilft nur die Offerte des Parkmanagements, mit alten Schulbussen bis ins Herz, im Juni ist das der Eielson Visitor Center, vorzustoßen. Das sind nur 66 Meilen, doch die ziehen sich endlos. Immer wieder stoppen die Busse, und verursachen kleine Staus. Dann Pipi-Pause und so weiter. Im Grunde genommen sitzt man 11 Stunden im Bus, um einmal hin und wieder zurück zu gelangen. Da bleibt wenig Zeit für Exkursionen. Steigt man vorher aus, verpasst man in der Regel den Blick auf das gewaltige Massiv des Denali, denn das gibt es erst in einer Kehre kurz vor Erreichen des Visitor Center zu bewundern.

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Am Ziel selbst lohnen zwei kleine Trails über die Tundra. Alles okay, wenn auch nicht spektakulär. Und überhaupt die Tiere. Laut Reiseführer soll der Denali Nationalpark mit Grizzlys geradezu verseucht sein. Da geht bei mir ja direkt die Warnlampe an. Also rein in den Souvenirladen, um den heißesten Scheiß zu organisieren. Das wäre ein Pfeffer-Kampfspray gewesen. Doch meine Vorsichtsmaßnahmen scheiterten dann am Preis. Am Ende ist es die Bärenklingel geworden. Das haut jeden Grizzly um. Wären sie denn da gewesen. Außer einer Bärenmutter samt Nachwuchs aus 20 Kilometern Entfernung, war nicht viel los im Wildgehege. Dafür Karibus ohne Ende. Und unser Busfahrer liebte diese Karibus. Jedes Einzelne davon.

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Von daher lautet meine Empfehlung: Übernachtet direkt im Park. Der Wonder-Lake macht, je nach Wetterlage, ab Juli auf. Und natürlich unbedingt zu Bob in den Flieger steigen.

Noch mehr Alaska findet ihr in meiner Story über Homer.

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